Donnerstag, 18. Juni 2015

Homöopathie und Naturwissenschaft - warum ist der Zusammenhang wichtig?

Als ich noch Homöopathin war, hab ich mich oft gefragt: Was ist denn, bitteschön, an der Naturwissenschaft so wichtig und so toll, dass die Kritiker der Homöopathie sich dauernd darauf berufen und darauf herumreiten, dass die Homöopathen außerhalb der geltenden naturwissenschaftlichen Gesetze agierten und auch kein Interesse daran hätten, dies zu ändern? Ich hab das eher für ein Zeichen genommen, dass die Kritiker eben gar nichts von der Homöopathie verstehen - ist ja nicht so, dass man ALLES mit der Naturwissenschaft erklären können muss, oder? Es gibt doch so viele Dinge, die man sich nicht erklären kann, oder nicht?
Dann bin ich auf diese Definition gestoßen: "Unter dem Begriff Naturwissenschaften werden Wissenschaften zusammengefasst, die empirisch arbeiten und sich mit der Erforschung der Natur befassen. Naturwissenschaftler beobachten, messen und analysieren die Zustände und das Verhalten der Natur durch Methoden, die die Reproduzierbarkeit ihrer Ergebnisse sichern sollen, mit dem Ziel, Regelmäßigkeiten zu erkennen." (1). Das hat mich noch nicht so überzeugt. Klingt irgendwie steril und hat mich noch nicht so erreicht, dass es "Klick" gemacht hätte.
Dann aber das: "Wir Menschen sind evolutionär aus der Natur entstanden und wir funktionieren darum also logischerweise alle nach denselben natürlichen Prinzipien und Prozessen. Das bedeutet folglich, dass auch die Ursachen und die Folgen von Gebrechen nach natürlichen Prinzipien und Prozessen funktionieren. Diese Prinzipien und Prozesse der Natur sind allgemeingültig: Wir wissen, dass wir Menschen mit allen allen Lebewesen auf der Welt verwandt sind, und wir wissen, dass wir Menschen ebenso wie alle anderen Lebewesen auf der Welt denselben Gesetzmässigkeiten der Natur gehorchen." (2)

So gesehen ist die Naturwissenschaft also doch für die Homöopathie zuständig. Denn die Homöopathie soll ja bei uns Menschen wirken, also die Prinzipien und Prozesse innerhalb von uns beeinflussen, die im besten Fall für die Gesundheit, im schlimmeren Fall für Krankheit, zuständig sind. Wenn diese Prozesse bei uns allen gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen, dann ist es ja irgendwie logisch, dass diese innerhalb der Medizin beachtet werden müssen.

Deshalb ist die Basis der Medizin heute die Naturwissenschaft. Also die Methode, die das Wissen in der Natur (zu der wir Menschen gehören) ergründet und schafft. Will die Homöopathie als Medizin betrachtet werden und/oder zur Medizin gehören, muss sie sich folglich an die Naturwissenschaft halten.

Zu Hahnemanns Zeit, also vor rund 200 Jahren, war die Naturwissenschaft, so wie wir sie heute kennen, noch gar nicht aufgestellt. Die Lehre der Körperzellen, dass Krankheiten durch Viren und Bakterien entstehen können und welche Maßnahmen dagegen unternommen werden können, das alles hat Hannemann nicht gewusst. Dass wir einen Blutkreislauf besitzen, wusste er wohl, welche und wie viele Zellen und Botenstoffe darin herum schwimmen, sicher nicht. Er baute seine Lehre von der Homöopathie also auf einem Fundament auf, das aus heutiger Sicht riesige Lücken enthielt.
In meinem Buch schreibe ich:

Die Gleichung Homöopathie = Medizin = Naturwissenschaft geht heute nicht mehr auf, weil sich die Methodiken der Naturwissenschaft und das medizinische Wissen weiterentwickelt haben. (3)

Hahnemann war durchaus ein Naturwissenschaftler SEINER Zeit. Er beobachtete den Menschen und analysierte und stellte Schlussfolgerungen zusammen. Er versuchte, wie eingangs zitiert, Regelmäßigkeiten zu erkennen und zu benennen und das in einer in sich stimmigen Theorie zusammenzufassen. Er stellte diese Zusammenfassungen in seinem "Organon" und den "Chronischen Krankheiten" (seinen zwei Hauptwerken) der Öffentlichkeit zur Verfügung und stellte sie damit mehr oder minder zur Diskussion. Insofern ein korrektes wissenschaftliches Vorgehen. Das, was er sich damals noch nicht erklären konnte, das spekulierte er. Zum Beispiel sprach er von einer "geistartigen Lebenskraft, die alles in bewundernswürdig harmonischem Lebensgange halte" (Organon, Paragraph 9). In meinem Buch erkläre ich genauer, was er damit damals meinte und dass das gar nicht so weit entfernt war von der Auffassung einiger seiner medizinischen Zeitgenossen. Er stand damit also noch nicht mal allein da. Viele weitere Aspekte seiner Lehre entsprachen durchaus den gängigen Auffassungen der damaligen Zeit. So weit, so gut.

Durch den Wissenszuwachs der modernen Naturwissenschaften kam es vor etwa 150 Jahren zu einem sogenannten „Paradigmenwechsel“. Darunter versteht man einen grundsätzlichen Wechsel des Denkmodells in einem Fachgebiet. Dieser Paradigmenwechsel bestand – zum Glück für alle Patienten - im Wesentlichen in der Umsetzung der Erkenntnis, dass die Ursachen von Krankheiten erkannt und systematisch beschrieben werden konnten. Vor 200 Jahren dachte man in der Medizin noch vor allem im Sinne der „Humoralpathologie“. Dieser liegt kurz gesagt das Prinzip zugrunde, dass durch eine Krankheit vier schlechte Säfte im Körper entstehen (Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle). Dieses Konzept hatte Hippokrates (460370 v. u. Z.) entwickelt, und es blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein die vorherrschende Lehrmeinung in der Medizin. Selbst als Galen (129216 n. u. Z.) die Vier-Säfte-Lehre der Antike gründlich überarbeitete, behielt er deren Grundsätze bei, und Ziel einer Therapie war es weiterhin, die „verdorbenen Säfte“ wieder aus dem Körper zu entfernen. Dies tat man mit drastischen Maßnahmen. Neben dem Aderlass standen Brech- und Abführmaßnahmen im Vordergrund. Die im Falle einer Krankheit im Übermaß vorhandenen schlechten Säfte sollten als Blut, Schweiß, Eiter oder Stuhl ausgeschieden werden. Die Arzneien verabreichte man als Pflaster, Klistiere, Öle, Salben, Umschläge, Räucherungen, Riechmittel, Tränke, Tinkturen, Pillen oder Pulver. Die Maßnahmen waren wenig spezifisch und wie gesagt eher drastisch, so dass man, ebenso drastisch formuliert, als Patient die Wahl hatte, entweder die Krankheit oder die Therapie zu überleben. Viele überlebten beides nicht. Krankheiten waren zu jener Zeit viel häufiger lebensbedrohlich und überzogen oft in großen, seuchenartigen Wellen ganze Landstriche. Man sprach damals auch von „heroischer Medizin“. Was hat sich seit damals verändert!
Desinfektion, Hygiene und physiologische oder biochemische Vorgänge im menschlichen Körper waren weitgehend unbekannt, Virchows Zellularpathologie wurde erst um 1850 entwickelt. Das war im Grunde genommen der „Startschuss“ für die moderne Medizin. Vorher kannte man weder den Blutkreislauf noch die Lehre von Körperzellen und wusste nicht, dass Funktionsstörungen auf dieser Ebene eine wichtige Krankheitsursache sind. Diese Entdeckung war bahnbrechend und führte endlich dazu, dass die Schlechte-Säfte-Theorie nach 2500 Jahren fallengelassen wurde. Erst um 1860 entdeckte der Arzt Semmelweis die Prinzipien bakterieller Infektionen und letztlich die Basis der Mikrobiologie, die durch Kochs und Pasteurs Entdeckung, dass Krankheiten durch Viren und Bakterien ausgelöst werden können (um 1876), immens erweitert wurde. 1897 wurde das erste Antibiotikum entdeckt; erst 1928 setzte Fleming es medizinisch ein. Viele weitere wichtige Meilensteine der modernen Naturwissenschaften und der Medizin wurden ebenfalls erst später erreicht. Ähnlich famose Entwicklungen durchliefen im 19. Jahrhundert Mathematik, Physik, Chemie, und parallel dazu auch wissenschaftliche Methodiken und Nachweisverfahren, die Statistik, das Verständnis von Kausalität und die evidenzbasierte Forschung.
Auch das Menschenbild in der Medizin hat einen enormen Wandel durchlaufen. Während man früher vieles noch mit Spekulation, Mythen oder Gottesmacht erklären musste, liegen heute viele Erkenntnisse vor, die zu ganz anderen Schlüsse führen. Besonders seit der Entwicklung des modernen Naturalismus im 20. Jahrhundert stehen nun ausreichend naturwissenschaftliche Erklärungen zur Verfügung, um bei der Beschreibung des Menschen, seiner Fähigkeiten, aber auch seiner Krankheiten ganz auf Wunder und Übernatürliches verzichten zu können (Text aus meinem Buch entnommen).

Heute hat sich die Naturwissenschaft also  erheblich weiter entwickelt. Und zwar nicht nur was ihre Beobachtungsgabe und Analysefähigkeit (z.B. Blutuntersuchungen, CT, Ultraschall, Mikrobiologie, Histologie), sondern auch das, was die gesamte Methodik betrifft (z.B. evidenzbasierte Medizin). Will die Homöopathie auch heute noch ein Teil der Medizin sein, muss sie den aktuell geltenden Maßstäben dieser Naturwissenschaft gerecht werden. Die Vorstellung einer Lebenskraft findet dort heute keinen Platz mehr, da wir uns die Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit anders erklären können und auf eine solche Spekulation längst nicht mehr angewiesen sind. Andersherum bedeutet dies aber auch: Möchte die Homöopathie eher übernatürliche Spekulationen zum Gegenstand ihrer Theorie und zum Ziel ihrer Behandlung machen, so hat sie in unserer modernen Medizin ihren Platz verloren. Das finde ich jedenfalls konsequent. Auch, weil sich Patienten darauf verlassen können müssen, dass die Medizin ihnen nichts Spekulatives anbietet (zumindest nicht, ohne das bekannt zu geben!). Dass sich Patienten mitunter trotzdem (und zu Recht) danach sehnen, nicht nur als "Objekt der Wissenschaft" gesehen zu werden, darauf werde ich in weiteren Blogs eingehen.


Ich freue mich auf Kommentare und übers Teilen.


(1) zitiert aus Wikipedia, Stichwort Naturwissenschaft, am 16.6.2015 eingesehen
(2) zitiert aus und zum Weiterlesen Skeptiker.ch
(3) Grams Homöopathie neu gedacht


Kommentare:

  1. Frau Grams,
    ich bin sehr neugierig geworden, als ich auf einen Artikel über Sie und Ihre Meinung gestoßen bin.
    Ich habe dabei versucht durch Ihren Blog zu verstehen, was Sie aussagen wollen. Zum Teil klingt es schlüssig, aber zum anderen Teil scheint es auch oft ungereimt. Die Naturwissenschaft, auf die Sie sich berufen, befindet sich schon länger selbst in einem großen Umdenken und ist im Begriff Sachverhalte ganz anders zu erklären. So sei die Quantenphysik erwähnt, die höchstwahrscheinlich mit ihren Erklärungen den "realen" Phänomenen am nächsten zu sein scheint.
    Somit haben Sie wohl recht, dass Homöopathie nicht durch Naturwissenschaft belegbar ist, wenn Sie sich auf die - ich nenne es vereinfacht - "klassische" Naturwissenschaft stützen, aber das ist absolut verständlich, denn viele natürliche Phänomene lassen sich durch diesen Diskurs nicht erklären bzw. belegen.
    Dasselbe gilt für Psychosomatik und die Wechselwirkung des "materiellen" mit dem Geist im weitesten Sinne.
    Also haben Sie Recht, dass Homöopathie nicht belegbar ist - wie vieles andere auch. Jedoch ist es kein Wunder, wenn die dafür verwendete wissenschaftliche Grundlage dafür unausgereift ist.

    Das macht mich skeptisch, ihren Darlegungen gegenüber. Jedoch habe ich Ihr Buch nicht gelesen, was ich nun in Erwägung ziehe, um Ihre Darlegungen in ihrer vollständigen Ausführung zu behandeln.

    Was denken Sie über diesen Denkanstoß?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Marco Nyvlt

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  2. Lieber Herr Nyvlt,
    ich freue mich über Ihren Denkanstoß. Denn natürlich bedeutet mein Umdenken in Bezug auf die Homöopathie nicht, dass ab jetzt kritisches Hinterfragen nicht mehr angesagt wäre.
    Mein Verständnis ist: Die Naturwissenschaft ist die Basis der heutigen Medizin und das ist gut so, da diese Wissenschaft sich damit beschäftigt, wie die Dinge in der Natur (z.B. in der Biologie des Menschen) zusammenhängen und das auf objektive Weise. Während Gesundheit sehr subjektiv empfunden wird, ist z.B. die Physiologie objektiv und es können deshalb Therapieprinzipien abgeleitet werden.
    Ich schlage im Buch allerdings zukünftig einen humanwissenschaftlichen Ansatz vor, der auch mehr Züge aus dem sozialwissenschaftlichen Bereichen enthält, um z.B. Zwischenmenschliches und seine Wirkung oder auch die Wirkung von Einstellungen des Patienten besser beobachten und beschreiben zu können.
    Allerdings bin ich sicher, durch viele Gespräche mit Physikern, dass gerade die Quantenphysik keine Erklärung bereit hält, mit der die Homöopathie erklärt werden könnte. Lesen Sie hierzu gerne mehr z.B. unter http://blog.gwup.net/2012/02/02/was-halt-anton-zeilinger-von-homoopathie/

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  3. Hier auch ein guter Kommentar einer Physikerin zur Quantentheorie auf meinem Blog: http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2015/06/was-ware-eigentlich-wenn-die.html?showComment=1435015559369

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