Samstag, 4. Juli 2015

Reaktion eines Homöopathen auf das RNZ Interview - und meine Antwort darauf

Es gab viele und teils sehr heftige Reaktionen auf das kurze RNZ-Interview. Hier finden Sie den Link zur Antwort eines bekannten Heidelberger Homöopathen, Herrn Dr. Michael Hadulla, und meine Erwiderung, die ich ihm per Mail sandte und auch auf dem RNZ-Onlineforum posten werde.

"Sehr geehrter Herr Dr. Hadulla, zunächst möchte ich mich bedanken für die einräumende und freundliche Reaktion auf mein Interview in der RNZ. Die meisten unserer Kollegen haben da einen ganz anderen Ton angeschlagen.
Ich erlaube mir, auf Ihre einzelnen Punkte eine Erwiderung zu verfassen:
Zu 1. Unbestritten. Nur kann die normale Medizin Medikamente PLUS Placebo-Effekt bieten. An den Nocebo-Effekten gilt es zu arbeiten, indem wir unsere Patienten darüber aufklären, dass keine Wirkung ohne Nebenwirkung bleibt, so sehr sich die medizinische Forschung darum bemüht, in diesem Bereich besser zu werden. Denn Nebenwirkungen werden ja nicht gerade „mit Absicht“ in Medikamente eingebaut, verzeihen Sie die etwas flapsige Bemerkung.
Zu 2. Ich gebe zu, dass ich Platon nicht in Gänze gelesen habe und dass er mir mehr als Philosoph, denn  als Psychosomatiker in Erinnerung ist. Ich hole das gerne nach. Ich las jedoch auf Wikipedia eben über ihn, dass er sich darum bemühte, eine Basis für echtes Wissen zu schaffen und auf der Suche nach der Wahrheit war. Insofern: Ja, das können wir Homöopathen von ihm lernen. Auch heute noch. Denn wir bleiben meist bei vorschnell gezogenen Analogieschlüssen und gefühlten Wahrheiten stehen. Hinzuzufügen ist noch, dass eine lange Tradition keine Evidenz ist. Der Aderlass hat sich viel länger gehalten als die Homöopathie und stellte sich später als Irrtum heraus. Ich finde allerdings auch, dass Hahnemann (den ich in Gänze gelesen habe) in manchen Dingen ein konkreter Neudenker und absoluter Vorreiter seiner Zeit war, wofür ihm auch heute noch Ehre gebührt. Drei wesentliche Kernthesen der Homöopathie haben heute jedoch keinen Bestand mehr (ja, das WISSEN wir): Das Simile-Prinzip, die Potenzierung und die Arzneimittelprüfung. Ich habe im Buch ausführlich dargelegt warum und würde mich freuen wenn Sie meiner Argumentation dort folgen.
Zu 3. Ich danke Ihnen für Ihre Ehrlichkeit. Die meisten Homöopathen würden diesen Punkt bestreiten. Jedoch gebe ich zu bedenken: ja, die Wissenschaftstheorie der Psychosomatik ist schwerer zu definieren, da sie nicht nur Naturwissenschaftliches sondern auch Sozialwissenschaftliches (also auch Zwischenmenschliches) umfassen möchte. Allerdings wiederspricht sie in keinem Punkt allgemein akzeptierten Naturgesetzen. Hier unterscheidet sie sich krass von der Homöopathie.
Zu 4. Auch hierfür meinen Dank, diese Tatsache wird ebenfalls gerne bestritten (auch von mir lange Zeit). Die Frage ist eben, ob Einzelfallstudien noch dem Stand der medizinischen Forschung der heutigen Zeit entsprechen. Ich meine nach umfassenden Informationseinholungen: leider nein. Denn jeder Effekt könnte auch durch ein Placebo entstanden sein, durch Zufall oder Dinge wie die Regression zur Mitte.
Zu 5. Natürlich hat jede Methode Grenzen. Schon allein das Leben an sich ist ziemlich begrenzt nach hinten raus, spätestens da scheitert jede Methode. Doch – und das war mit das schmerzhafteste für mich anzuerkennen - die Homöopathie scheitert nicht an Grenzen der Methode sondern bereits weit vorher: an ihrer Basis.
Zu 6. Dieser Punkt hat mich erschreckt, das gebe ich zu. Doch kann es nicht angehen, dass wir in schweren Notlagen Patienten mit Placebos behandeln und ihnen damit schlimmstenfalls wirkliche Therapien vorenthalten. Dass die homöopathischen Gespräche vielen Patienten in Notlagen helfen, habe ich jedoch in meiner Praxis auch immer wieder erlebt. Doch was spricht dagegen, solche Gespräche auf der Basis der normalen Medizin zu führen? Im Moment leider das Fallpauschalen-System, aber das wiederum spricht jetzt nicht automatisch für die Homöopathie.
Zu 7. Genau dies war der Punkt, warum ich mich an die Homöopathie gewandt hatte und wohl auch einen so großen Erfolg mit meiner Praxis hatte. Deshalb heißt mein Buch im Untertitel ja auch: Was Patienten wirklich hilft. Doch, lieber Herr Dr. Hadulla, auch hier: Warum bieten wir diese Bereiche nicht auf der Basis des Wissens des 21. Jahrhunderts an?  

Ich bedanke mich noch einmal für Ihre sachliche Reaktion und hoffe, dass wir weiter im Gespräch bleiben. Mit bestem kollegialem Gruß..."

Kommentare:

  1. Die Homöopathie wird genutzt von zwei Behandlertypen: 1. Selbsttäuscher 2. Geschäftemacher:

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/prof1401_wiss_c_BERTELSEN-1.pdf

    Die Homöopathie wird von Patienten gerne genutzt, wegen des Kausalitätsbedürfnisses:

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/Homoeopathie-Journal-8-11_2.pdf

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/Stimmen_aus_der_Fachwelt_2.pdf

    Der Skandal ist, dass trotz eindeutiger Erkenntnislage weiterhin Kurse von den Ärzte- und Zahnärztekammern verkauft werden:

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/Die_Notwendigkeit_einer_Grenzdefinition_im_Bereich_der_aerztlichen_Fortbildung.pdf

    AntwortenLöschen
  2. Guten Tag Herr Dr. Bertelsen und vielen Dank für die Beiträge. Ich habe wirklich viel in diesem Bereich gelesen, auf Ihre Artikel war ich jedoch (leider!) noch nicht bewusst gestoßen. Danke fürs Posten. Sehr lesenswert.

    AntwortenLöschen
  3. Guten Tag Frau Grams,

    mein geschätzter Nachbar, der ehemalige KV-Vorsitzende Prof. Karsten Vilmar hat mir kürzlich erzählt, wie er und der damalige Gesundheitsminister Heiner Geißler von Frau Carstens bedrängt worden sind, die Homöopathie in den Leistungskatalog aufzunehmen. "Stundenlang hat Frau Carstens auf uns eingeredet!"

    Noch ein wunderschöner Satz von ihm:

    "Das Heilpraktikergesetz kriegen Sie in Deutschland nicht weg. Alle Politiker sind privat versichert und rennen zum Heilpraktiker."

    http://www.aerzteblatt.de/pdf/80/21/a81.pdf

    Beste Grüße aus Bremen!

    AntwortenLöschen
  4. Nun, dann ist es jetzt an uns, vom Gegenteil zu überzeugen:-)

    AntwortenLöschen
  5. Glauben Sie wirklich, Ärztekammern, Private Krankenversicherungen und Gesetzliche Kassen lassen sich so einfach ihr Geschäftsmodell zerstören?

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/DZW_39-13_05-06.pdf

    AntwortenLöschen
  6. Ja, das hoffe ich und daran arbeite ich.
    Einen guten Punkt in Ihrem obigen Artikel, finde ich, wie die Homöopathie im Studium angeboten wird. So, als sei das selbstverständlich und genauso richtig, wie die wissenschaftliche Medizin. Ich bin drauf reingefallen!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja - das kann man den Studenten gut vermitteln - wir alle wollen sanft zu unseren Patienten sein und alle nebenwirkungsfrei und souverän heilen. Christian Weymayr hat ein tolles Buch geschrieben. Seine Chefin Monika Lelgemann ist Vorsitzende des DNebM. Treten Sie schnellstens ein, falls Sie noch nicht "drin" sind. Gemeinsam sind wir stark:

      http://www.mds-ev.de/3655.htm

      Löschen
    2. Ich kenne Herrn Weymayrs Homöopathie-Lüge natürlich. Finde aber, dass Homöopathie-Glaube besser treffen würde. Denn ich sehe nicht, dass die Homöopathen selbst bewusst lügen. Sie glauben wirklich daran.
      Und den Link gucke ich mir gleich an. Danke.

      Löschen
    3. Der Glaube versetzt Berge und lässt Hexen verbrennen. Homöopathen verbreiten mit ihrer Konstitutioslehre gefährliches Gedankengut. Zahnärzte reden sich mit Eltern den Mund fusselig über Kariesanfälligkeit und die Wichtigkeit von Mundhygiene, weil durch Zahnwurzelentzündungen Keime in den Organismus gelangen und dann erzählen die privat liquidierende Homöopathin der Mutter, das Kind sei ein "Sulfurtyp". Man brauche nicht putzen, weil das Kind aufgrund seiner Konstitution von "Natur aus schmutzig" sei:

      http://www.dr-bertelsen.de/documents/Transparent_KZVB_Nr13-2012_Wer_recht_hat_heilt.pdf

      Löschen
    4. Das versteht aber nur, wer auch die Ideologie der Anthroposophen (nicht verwechseln mit Anthropologen) versteht - daher auch die Waldorfschulen und viele der Impfkritiker (jetzt weniger denen Angst gemacht wurde, mehr die öffentlich dagegen auftreten)

      viele Grüße

      MINTiKi

      ---
      http://mintiki.de

      Löschen
  7. Scharlatanerie kommt den Kassen oftmals viel billiger, als seriöse Medizin. Vorrausgesetzt, es gibt ein paar Deppen, die das Spiel mitmachen. Lesen Sie selbst, was mir der Leiter einer großen deutschen Krankenkasse schrieb:

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/Editorial_Einhalt-gebieten.pdf

    AntwortenLöschen
  8. Krasser Kommentar. Aber man darf wohl nicht vergessen, dass Krankenkassen in erster Linie Wirtschaftsunternehmen sind. da ist es mit der Ethik und der Wissenschaft eben so eine Sache. Natürlich meine ich damit keine gute Sache.

    AntwortenLöschen
  9. Auch die Apotheken sind Wirtschaftsunternehmen. In guten Gegenden der Großstädte haben sich Apotheken heute auf Kosmetik oder eben Homöopathie spezialisiert. Was man da ungewollt zu hören bekommt oder was einem angeboten wird, ist einfach nur haarsträubend:

    Schüssler-Salze bei Mineralmangel für Ausdauersportler: Das würde sicher funktionieren, wenn darin tatsächlich Mineralien enthalten wären ;-)

    Schüssler-Salze zum Abnehmen: wurden gleichzeitig von Apotheken beworben und in der Lokalzeitung redaktionell(!) als eine Art Diät-Methode vorgestellt.

    Wenn die beiden ersten Beispiele noch lustig klingen: Es gibt sehr traurige. Ich habe selbst in der Warteschlange erlebt, wie eine Apothekerin einer älteren Dame Homöopathie zur Behandlung einer Sehnenscheidenentzündung verkauft hat. Sie hat ein Feuerwerk aus Potenzen und angeblichen Wirkungen losgelassen, bis die Dame etwa 20 Euro losgeworden war. Einige Tage später sah ich die Dame mit einer Bandage an der Ecke stehen … sie verteilte den »Wachturm«.

    Die Pointe: In der Apotheke, in der ich das alles beobachtet habe, werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Bild und mit ihren Studienabschlüssen und anderen Qualifikationen vorgestellt. Vor einem Pharmaziestudium habe ich als TU-Absolvent im Ingenieurwesen immer hohen Respekt gehabt. Jetzt weiß ich: Man kann viele Jahre studiert haben und trotzdem gegen alle Erkenntnisse der Wissenschaft handeln – wenn es sich wirtschaftlich lohnt.

    AntwortenLöschen
  10. Oh ja, solche "Gespräche" in Apotheken kenn ich. Da möchte ich jetzt am liebsten immer mein Buch gratis verschenken - an Käufer und "Berater";-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wie ist Ihre Meinung zu den "Sulfurtypen"?

      http://www.dr-bertelsen.de/documents/Transparent_KZVB_Nr13-2012_Wer_recht_hat_heilt.pdf

      Löschen
  11. Ich fürchte, das ist das größte Problem an der Homöopathie - sozusagen ihre Nebenwirkung - dass ihretwegen sinnvolle Therapien und Maßnahmen unterbleiben. Ein gutes Beispiel.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wegen Nichteinhaltung des "nil nocere"-Prinzip könnte man die BÄK und die BZÄK auffordern, zukünftig keine Homöopathie-Kurse mehr anzubieten. Wäre ein erster Schritt. Es sind dann noch immer eine Vielzahl privater Anbieter am Markt. Aber es wäre ein deutliches Zeichen.

      Löschen
    2. Das wird nicht leicht sein wegen großem Interesse aber lassen Sie uns dran arbeiten

      Löschen
    3. Eine Aufforderung - darin sehe ich kein schwieriges Unterfangen...

      Löschen
  12. Also der Bezug zwischen Psyche und Physiologie wurde im allgemeinen aber Hergestellt und in einigen Fällen auch schon recht genau aufgeklärt empfehle an der Stelle gern einen Blogbeitrag zum Thema Depression http://mintiki.de/blog-2015-2#Depression bezieht sich u.a. auf das dort aufgeführte Sachbuch - wissenschaftliche Artikel lassen sich sicherlich auch finden

    viele Grüße

    MINTiKi

    AntwortenLöschen