Mittwoch, 15. Juli 2015

Was bedeutet Selbstheilungskraft in der Homöopathie?

Zwei häufig mit der Homöopathie in Zusammenhang gebrachte Begriffe sind "Selbstheilung" oder "Selbstheilungskraft". Aber - spannend - auch hier handelt es sich um Begriffe, die Hahnemann nie verwendet hat. Im Gegenteil, Hahnemann bezieht sich allein auf die Lebenskraft, die Dynamis, wie er sie nennt.
"Da nun jedesmal in der Heilung durch Hinwegnahme des ganzen Inbegriffs der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit, zugleich die ihr im Grunde liegende, innere Veränderung der Lebenskraft - also das Total der Krankheit - gehoben wird, so folgt, dass der Heilkünstler bloß den Inbegriff der Symptome hinweg zu nehmen hat, um mit ihm zugleich die innere Veränderung, das ist, die krankhafte Verstimmung des Lebensprinzips - also das Total der Krankheit, die Krankheit selbst, aufzuheben und zu vernichten. Die vernichtete Krankheit aber ist hergestellte Gesundheit, die das höchste und einzige Ziel des Arztes, der die Bedeutung seines Berufes kennt, welcher nicht in gelehrt klingendem Schwatzen, sondern im Helfen besteht." (Paragraph 17, Organon).

Das schreibt also Hahnmenan selbst und wieder einmal bin ich überrascht, was er da eigentlich sagt:
1. Die Aufgabe des Arztes ist es, nicht "gelehrt zu schwatzen", sondern an den Symptomen die Krankheit zu erkennen.
2. Es muss darum gehen, die Krankheit selbst hinwegzunehmen.
3. Vernichtete Krankheit ist hergestellte Gesundheit.

Hätte Hahnemann das Wissen von heute gehabt, wären alle drei Punkte richtig in dem Sinne: Wir wissen heute, welche Symptome die meisten Erreger und andere Krankheitsursachen zur Folge haben. Diese gilt es zu erkennen und richtig zuzuordnen. Und natürlich ist es das Ziel des Arztes, diese zu beseitigen. Da man aber die Symptome nicht hinwegnehmen kann, ohne die Ursache, also die Krankheit, den Krankheitserreger, zu beseitigen, muss also die Ursache behandelt werden. Bei einer bakteriellen Infektion also z.B. die Bakterien mit einem Antibiotikum. Ist die Ursache der Krankheit solchermaßen behandelt, dann ist Gesundheit wieder hergestellt. Hier freue ich mich wieder einmal über Hahnemann. Schade, dass er vor 200 Jahren gelebt hat und nicht wußte, was wir heute wissen. So machte er den Fehler und "baute" seine Lebenskraft noch mit ein. Da ER die Ursache (z.B. Bakterien) nicht kannte, erstellte er ein Konstrukt (Lebenskraft affiziert), das damals vielleicht schlau war. Heute ist es widerlegt. Und auch unnötig. Und was das wichtigste ist: eine Selbstheilungskraft kommt überhaupt nicht vor.

Natürlich verfügt der Körper über unzählige Möglichkeiten, sich selbst vor Eindringlingen aller Art zu schützen und sich, selbst nach deren Eindringen, meist erfolgreich zu verteidigen. Unser Immunsystem ist hochkomplex und heute in weiten Teilen erforscht und doch spannend genug, um ständig weiter erforscht zu werden. Insofern ist unser Körper also tatsächlich in der Lage, sich selbst zu heilen. Dafür braucht es nun aber wiederum die Homöopathie nicht. Denn diese Vorgänge laufen selbständig ab und bedürfen keiner Unterstützung durch Globuli. Heilt der Körper sich nun also selbst und wurden gleichzeitig Globuli gegeben, so kann man den Eindruck haben, als seien die Globuli die Ursache für die Heilung. Doch dann werden wieder Korrelation mit Kausation verwechselt. Und: die Homöopathen erheben Anspruch auf ein System, das völlig unabhängig von ihrem Tun und ganz alleine funktioniert. Ganz schön anmaßend.

Dennoch weist die Homöopathie und ihr weitgefasster Ansatz, sich dem Patienten zu nähern, auf einen wunden Punkt unserer Medizin hin: Wo Krankheit eine eindeutige Ursache hat, ist sie uns meist bekannt und kann einer Behandlung zugänglich gemacht werden. Wo Krankheit multifaktoriell oder auch psychisch bedingt und mitverursacht ist, wird es schnell kompliziert. In der  Forschung gibt es hier z.B die Psychoneuroimmunologie aber hier fehlen den Patienten dann oft im Alltag Ansätze, die viele Ursachen im Blick behalten können - bei der Diagnose, aber eben auch bei der Therapie der Beschwerden.



Kommentare:

  1. Liebe Natalie Grams,

    ich verstehe, nachdem wir schon einige Worte an anderer Stelle gewechselt haben, Ihr grundsätzliches Bedürfnis zu einer zwischen den Anhängern der Homöopathie und ihren Kritikern vermittelnden Darstellung; dennoch, selbst mit der kleinen Heldenverehrung Hahnemanns habe ich so meine Probleme.

    Zweifelsohne muss man Hahnemann zubilligen, dass er die ernsthafte und löbliche Absicht hatte, kranken Menschen zu helfen. Aber diese Absicht hatten andere zu seiner Zeit auch.
    In diesem Zusammenhang sei nur an die um 1800 herum populäre „romantische Medizin“ erinnert, die eine, nach heutigen Sprachgebrauch, „ganzheitliche“ Sicht auf den Menschen entwickelte.

    Zweifelsohne muss man auch wohlwollend anerkennen, dass Hahnemann, dessen Lebenszeit in die Phase gravierender Veränderungen im menschlichen Erkenntnisprozess, in die Entwicklung einer „neuen“ Naturwissenschaft fällt, zumindest erkannt hat, dass mit dem traditionellen Wissen und Methoden keine Verbesserungen in der Medizin zu erreichen waren.

    Was man ihm allerdings negativ in Rechnung stellen muss, ist zuerst einmal ein enormes Maß an Borniertheit, Ignoranz und letztlich auch Arroganz, als er beschlossen hatte, der „Stein der Weisen“ sei sein.

    Als er mit der apodiktischen Verkündung seines zentralen Lehrsatzes „similia similibus curentur“ vom Suchenden zum überheblichen Bewahrer seiner Trugschlüsse geworden war (seine Ausfälle gegen Andersgläubige sind ja ein bekannter Teil seiner Biographie), zog er gegen jeden in den Krieg, der es wagte, ihn darauf hinzuweisen, dass der Großteil seines 10.000 Teile-Blauer Himmel-Puzzles eben nicht aus blauen Teilchen, sondern aus grünen, gelben oder roten Teilen bestand, von denen er eine erkleckliche Anzahl selbst zusammengefeilt , wohl aber genau so viel von anderen geklaut hatte (seine Tätigkeit als Übersetzer medizinischer Werke hat da wohl jede Menge Inspiration geliefert).

    Hätte er die menschliche Größe gehabt, seine Kritiker mit ihren Hinweisen auf die vielen falschen Teilchen seines Puzzles ernstzunehmen, hätte möglicherweise bahnbrechendes für die Medizin leisten können, so aber hat er nicht mehr als eine Irrlehre hinterlassen.

    Insoweit unterscheidet sich Hahnemann nicht wesentlich von den Clowns, Spinnern und Phantasten der zeitgenössischen (Para)Wissenschaften, die irgendwann, als sie sich in irgendeine windige Theorie verliebt haben und in diesem Zuge jede kritische Distanz zu sich selber aufgaben, in eine Einbahnstrasse abgebogen sind, die sich dann auch noch als Sackgasse entpuppte.

    Als tragisches Beispiel sei einmal mehr auf Jacques Benveniste hingewiesen, den neuzeitlichen Erfinder der „Wassergedächtnisses“, der sich, nachdem seine „Forschungsergebnisse“ zerlegt wurden, zur Wissenschaftskarrikatur wurde, als er, ungeachtet aller Belege, die gegen seine Thesen sprachen, in den Folgejahren behauptete, die Informationen des Wassers könnten auch via Telefon oder Internet übertragen werden.

    Hahnemann litt, so jedenfalls stellt es sich mir dar, an den wichtigsten
    Berufskrankheiten der Forschenden: Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, sture Emsigkeit
    und gedankenloser Fleiß - und diese Berufskrankheiten ließen ihn zwar mit Strenge und manchmal auch hasserfüllt mit seinen Gegner umgehen, sich selbst gegenüber ließ er jede Nachlässigkeit in der Argumentation genau so durchgehen, wie er die inneren Widersprüche seiner Theorie ignorierte.

    Und genau dieses Erbe bewahren die Homöopathen seit 200 Jahren.

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    1. Werter excanwahn,
      stimmt schon, Hahnemann sollte nicht über Gebühr als Held gefeiert werden, aber hier ging es mir va. darum aufzuzeigen, dass 1. nicht alles, was wir Homöopathen behaupten, auch wirklich auf Hahnemann zurück geht, dass er 2. manchmal ganz "moderne" Ansichten hatte und 3. selbst das keine Homöopathie heute mehr rechtfertigt, da er den Kapitalfehler der "Lebenskraft" in seine Theorie einbaute. Was er anschließend, wie Sie richtig kritisieren, auch nicht mehr in Frage stellte. Und schlimmer noch, was auch heute von Homöopathen nicht in Frage gestellt wird. Erst gestern erhielt ich wieder eine Zuschrift von homöopathischer Seite, worin mir erklärt wird, dass Hahnemann aber gesagt habe, bei der Potenzierung entstünde eine "Information". Ja, gesagt hat er das, aber Recht hatte er nicht. Sie wissen das. Die Homöopathen leider (noch) nicht. Mein Ansatz, den Homöopathen zu erleichtern, dies zu erkennen, indem Hahnemann nicht per se verdammt wird, läuft ja noch als Versuch...

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  2. Liebe Frau Grams,

    ich kann mir gut vorstellen, wie der durchschnittliche homöopathische Dogmatiker Ihnen seine Glaubenssätze mit der gleichen Vehemenz um die Ohren haut, wie der bibeltreue Evangelikale den Ungläubigen seine Offenbarungen. Nur sind das fundamentalistische Denkweisen, die eben nicht die Überprüfung mit der Realität überstehen - die aber als Glaubenssätze auch nicht an der Realität gemessen werden sollten.

    Was mich jedoch wundert ist Ihre Anmerkung, dass ich, excanwahn, Dinge über die Homöopathie weiß, die Homöopathen wohl nicht (noch nicht) wissen.

    Was ich noch verstehen könnte, wäre, dass Homöopathen Dinge über die Homöopathie wissen, die sie lieber verschweigen. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass - vor allem - die ärztlichen Homöopathen nicht wissen, was sie da eigentlich veranstalten.

    Gut, dass z.B. eine Orchestergeigerin, die neuerdings in Homöopathie macht (Gruß nach Regensburg) nicht unbedingt so ganz genau weiß, was sie mit einem Patienten veranstaltet, will ich ja noch glauben - wobei ich, um die Sache mit den heilsamen Informationen aufzugreifen, mir - selbst bei Wochenendseminar-Homöopathen - nicht vorstellen kann, dass irgendein Homöopath sein homöopathisches Informationskonzept so erweitert, dass er auch in ein Restaurant geht, die Speisekarte liest, sich dann mit einem kleinen Rülpser erleichtert, und die Rechnung verlangt.

    Aber was ist mit den ganzen medizinisch gebildeten Homöopathen?
    Die konnten es doch garnicht vermeiden, während ihrer hochqualifizierten, fest im naturwissenschaftlichen Weltbild verhafteten Ausbildung, sich mit den grundlegenden pharmakologischen Wirkmechanismen wie Wechselwirkung mit Rezeptoren, Beeinflussung der Enzymaktivität, Beeinflussung von spannungsabhängigen Ionenkanälen sowie auch von Transportsystemen auf Zellebene, und nicht zuletzt die Hemmung von Biosynthesen in Mikroorganismen auseinanderzusetzen.
    Von Informationsweitergabe durch gutinformiertes Wasser war aber dabei nicht die Rede, das müßte doch dem einen oder anderen aufgefallen sein?

    Wenn man das mal auf andere Berufe überträgt: Was würde man zu einem Doktor der Chemie sagen, der nach 5 oder 6 Jahren Studium auf die Idee kommt, aus Blei Gold machen zu wollen?

    Sie kennen das weltanschauliche Gemenge Ihrer ehemaligen Kollegen besser als ich, und Sie haben auch eine erhebliche Zahl von Fortbildungen hinter sich: Sitzt man da tatsächlich zusammen, erzählt sich gegenseitig „einen vom Pferd“, und keiner hat auch nur einen Hauch Zweifel an dem vermittelten?

    Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, es scheitert an meinem Mangel an Phantasie.

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  3. Doch, lieber excanwahn, ich bin mir mittlerweile sicher, dass Homöopathie-Kritiker mehr und detaillierter Bescheid wissen, was die Homöopathie betrifft. Ich muss mir selbst vorwerfen, mein größtes homöopathisches Wissen (nicht nur eine Meinung) erst durch die Recherche zu meinem Buch erlangt zu haben. Manchmal denke ich auch heute noch, dass Sie mehr wissen, als ich.
    Vor der Recherche war ich eher die Art Wiederkäuer, die sich zuhauf unter den Homöopathen tummeln: Das, was sich irgendwie gut anfühlt, hat mehr Berechtigung als das, was wahr und überprüft ist. In den beiden Blogs habe ich auch darüber etwas mehr geschrieben:
    http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2015/07/wie-kommt-eine-naturwissenschaftlern.html
    und
    http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2015/07/was-hat-mich-uberzeugt-mit-der.html

    Natürlich haben Homöopathen Zweifel. Aber die werden durch den confirmation bias weggewischt. Habe ich auch lange gemacht: Ich SEHE doch, dass es funktioniert! Damit kriegen Sie jeden Zweifel klein.Und was die medizinische/ naturwissenschaftliche Grundausbildung angeht, die ist 1. im Studium klein und 2. wird die Homöopathie als "besser als Naturwissenschaft" gehandelt. Das macht es schwer, wirklich kritisch zu sein. Zumal das rationale Denken so anstrengend ist im Vergleich zu "ich fühle/assoziiere, also habe ich Recht". Ich denke also, dass die meisten Homöopathen wirklich überzeugt sind, von dem, was sie zum. Die Frage ist, wie kriegt man sie dazu, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen?

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