Sonntag, 19. Juli 2015

Was kann die Homöopathie nicht?

Einige Leser schrieben mir kürzlich als Reaktion auf mein Buch Ihre persönliche Erfahrung mit der Homöopathie. Ich bat sie darum, ihre Geschichten hier veröffentlichen zu dürfen, denn wenn diese Geschichten nicht erzählt werden, dann gibt es sie nicht. Während unzählige Erfolgsgeschichten zu "Heilungen durch die Homöopathie" im Netz und in Gesprächen existieren, verschwinden die Geschichten, die die Gegenseite zeigen, dahinter. Hier also exemplarisch zwei Geschichte, wie die Homöopathie nicht laufen sollte, aber sicher öfter läuft, als wir es wissen wollen:
"Ich bin Arzthelferin und habe selber drei Jahre bei einer Ärztin gearbeitet, die rein homöopathisch tätig ist. Zu Beginn meiner Tätigkeit hat sie sofort meine Behandlung übernommen und alles, was ich so an Symptomen hatte, homöopathisch behandelt. Leider hat sie dabei keinen Wert und kein Interesse an meinen schlechter werdenden Blutwerten gezeigt und gesagt, dass bekämen wir schon hin und es käme lediglich von der "Entschlackung" des Körpers und das würde sich schon normalisieren. Naja, Ende vom Lied ist eine Vaskulitis (natürlich hat die Diagnostik einige Zeit in Anspruch genommen), die in sehr heftiger Ausprägung in Erscheinung trat und sich jetzt nach 1,5 Jahren langsam führen lässt. Und die Krönung war, meine Chefin hat, als ich das erste mal im Krankenhaus lag mich mit den Worten: "Wenn sie sich jetzt in die Hände der Schulmedizin begeben, brauchen sie sich bei mir nicht mehr blicken lassen" gekündigt. So viel zum Thema von Ärzten, die sehr von der Homöopathie überzeugt sind. Was mich u.U. das Leben hätte kosten können."

"Auch ich bin auf einen Tipp hin wegen meines jahrelangen Reizhustens (seit ich mich erinnern konnte, hustete ich) bei einer Heilpraktikerin gewesen - über 2 Jahre lang. Keine körperliche Untersuchung, noch nicht einmal Lunge abgehorcht (wie auch, da keine Ärztin). Sonder viele Gespräche, wie von Ihnen beschrieben, danach Globuli, die nie halfen. Deshalb weitere Gespräche, um an den Kern meines in unregelmäßigen Abständen auftretenden Hustens zu gelangen - neue Dosierung, andere Globuli. Bis ich an meine damalige, sehr gute Hausärztin geriet, die mein Problem in Angriff nahm: Lunge abhorchen etc., Überweisung zum HNO-Arzt, danach Überweisung zur Gastroenterologie. Diagnose: Refluxproblem, daher der Hustenreiz. Schwer entzündete Magenschleimhaut, Ösophagus schwer entzündet - weiter unbehandelt hätte dies weitaus schlimmere Folgen haben können. Wäre ich weiterhin zur Heilpraktikerin -in meinen Augen Homöopathin!- gegangen, wäre die Entzündung weiter fortgeschritten, da unerkannt und unbehandelt. Gesprächstherapie hilft da nicht viel! Sie beschreiben, dass Patienten zur Homöopathie kommen, bei denen die Diagnose von Seiten der "normalen" Medizin bereits gestellt wurde. Was ist mit den anderen, bei denen körperlich noch nichts abgeklärt wurde? Hier sehe ich das Hauptproblem bei der weitergehenden Verbreitung der Homöopathie. Es hat beim kleinen Wehwehchen geholfen, also gehe ich bei größeren Beschwerden auch zu "meiner" Heilpraktikerin."
(...) Ich vermisse die Fragestellung (im Buch), wer in Deutschland mit Homöopathie behandeln darf. Kurz haben Sie (im Buch) angesprochen, dass Homöopath nicht gleich Heilpraktiker ist. Meine Erfahrung ist jedoch: alle, die in meinem Bekannten- oder Freundeskreis Homöopathie sympathisch finden und anwenden, gehen zu "Heilpraktikern" und NICHT zu Ärzten, die zusätzlich zur medizinische Ausbildung auch eine Homöopathische Schule absolviert haben. Und meine Bekannten glauben, dass die Globuli eine Wirkung haben und der Heilpraktiker in "der" Homöopathie ausgebildet wurde, weil das auf dem Klingelschild steht! Hier liegt ein wesentlicher Knackpunkt: wo soll ein "Laie", der eine Heilpraktikerausbildung absolviert hat, eine Diagnose hernehmen die ihn befähigt, bei schwerwiegender Erkrankung einen wissenschaftlichen Mediziner aufzusuchen?"

Die Geschichte und die Frage, die die Leserin stellt, zeigen deutlich, was die Homöopathie nicht kann - und zwar zunächst unabhängig davon, ob sie von einem Arzt oder Heilpraktiker ausgeübt wird: Sie verfügt über keinerlei Diagnostik.
Zu Hahnemanns Zeiten waren Diagnosen noch recht wenig spezifisch (und beruhten meist auf der Vier-Säfte-Lehre der Antike), so dass auch die Therapie wenig spezifisch war (und meist aus Aderlass bestand). Insofern war seine Homöopathie ein Novum: so differenziert hatte man bisher nicht Symptome und Empfindungen und Details von Krankheiten aufgenommen. Nun aber haben sich unsere Möglichkeiten der Diagnosenstellung und Therapie immens weiter entwickelt. Dies jedoch nur außerhalb der Homöopathie. Hier entsteht eine gefährliche Lücke.

Wird in einer homöopathischen Anamnese ein Patienten-Bild aufgenommen, kann dies gemäß homöopathischen Vorstellungen mehr oder weniger detailliert und gut gemacht sein. Es ist jedoch nicht viel wert, wenn es HEUTE nicht auch mit unserem medizinischen Wissen abgeglichen wird. Das Vorgehen, allein alle geäußerten Beschwerden aufzunehmen und sie einer homöopathischen Behandlung zuzuführen, ist aus zwei Gründen gefährlich:
1. Wie im obigen Beispiel beschrieben, kann dadurch wirkliche Diagnostik und Therapie unterbleiben - zum Schaden des Patienten.
2. Unter der Annahme, dass die Globuli für die Heilung verantwortlich wären, kann zugewartet und zugewartet werden. Im Vertrauen darauf, dass der Homöopath nur erst "die richtigen Globuli" finden müsse, vergeht Zeit. Zeit, die den Patienten mitunter eine tatsächliche Heilung kostet.

Je unausgebildeter - und auch je ideologischer beseelt - der Homöopath nun also ist und je kleiner das medizinische Wissen ist, über das er verfügt, umso größer ist die Gefahr, in die der Patient sich begibt. Zwar kenne ich durchaus Heilpraktiker, die ihren Job gewissenhaft ausführen und lieber zu früh als zu spät einen ärztlichen Rat einholen, und ich kenne auch Ärzte, die falsche Diagnosen stellen oder bei jeder Kleinigkeit ein Medikament verschreiben, damit der Patienten das Wartezimmer rasch wieder verlässt, aber dennoch: keiner dieser Punkte spricht für die Homöopathie. Und leider auch nicht für eine Homöopathie, die aus guten Gesprächen besteht, so wie ich es im Buch aufgezeigt habe. Allenfalls können wir den Gesprächsrahmen, den die Homöopathie anbietet, in unsere normale Medizin übernehmen. Und sie zusätzlich zu sicheren Diagnosen und guten Therapien anbieten. Und: Laien und Homöopathen sollten sich dieser Gefahr bewusst sein.

Zu Weiterlesen:

Homöopath oder Heilpraktiker, was ist der Unterschied: http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2015/06/homoopath-oder-heilpraktiker-was-ist.html

Gefährliche Heiler via GWUP http://blog.gwup.net/2014/07/02/enthullungsreportage-gefahrliche-heiler-im-stern/

Kommentare:

  1. Liebe Frau Grams,

    angesichts dieses durchaus nicht überraschenden Patientenberichts frage ich mich, wie schon so oft, wie viel unnötiges menschliches Leid die Dogmatiker der Homöopathen-Gilde unter ihren Patienten verursacht haben und weiter verursachen werden?
    Und dann bin ich dankbar, dass die Alternativmedizin zur komplementären oder integrativen Heilerei wurde - und die Anwendung echter Medizin den Medizinern überlässt. Hey, was für ein unheimliches Glück für Patienten!

    Wie viel Angstschweiß muß wohl den Protagonisten der Alternativheilerei auf der Stirn gestanden haben muss, als in den Anfängen der Alternativmedizin diese wirklich noch ausschließlich “alternativ” war, und vor allem die heilpraktischen Laienheiler, ausgerüstet mit ihren Jodeldiplomen, sich plötzlich einer Klientenschaft gegenübersahen, die sie mit medizinischen Problemen konfrontierten, die schon der Wissenschaftsmedizin erhebliche Schwierigkeiten bereiteten.

    Welch´eine Erleichterung, als man als integrierter Heiler nur noch Trittbrettfahrerei betreiben musste...

    Man muss deshalb jedem, der sich vertrauensvoll in die Hand eines homöopathischen Heilers begibt, unmissverständlich sagen, dass die homöopathische Anamnese keine tragfähige Diagnose liefert, weil die Ätiologie und Pathogenese der Homöopathie, sofern man überhaupt von einer Krankheitslehre sprechen kann, nicht dem entspricht, was heute als Ursache von Erkrankungen zweifelsfrei erkannt ist.

    Bringen wir es auf den Punkt: Das Ergebnis jeder (!) homöopathischen Anamnese ist schlicht und ergreifend eine Fehldiagnose, oder, was es besser trifft, keine Diagnose.

    Dabei heißt das Zauberwort in der Medizin definitiv: „Diagnose“.

    Damit beginnt alles - völlig unabhängig davon, ob letztlich Globuli oder Antibiotika verabreicht werden. Wenn der Therapeut nicht in der Lage ist, nachvollziehbar und mit Beleg zu begründen, wofür, wogegen und aufgrund welcher zweifelfrei erkannten pathologischen Zusammenhänge er seine Arzneien verordnet, praktiziert er einfach "schlechte Medizin", deren Ursache es eben ist, keine korrekten und vollständige Diagnose stellen zu können.

    Wie man aber eine Therapie-Verfahren nennt, desssen Vertreter auf eine Diagnose de facto verzichtet, weil sie nicht bereit sind, ihre absurde Krankheitslehre, die doch nicht mehr als nur eine Phantasievorstellung ist, zugunsten der Modelle der modernen Medizintheorie aufzugeben, dafür muss man erst einmal einen Namen erfinden.

    Die Homöopathie, als pharmakologische Therapie, vollbringt ausschließlich Sinnloses – beginnend beim homöopathischen Therapeuten, der mittels einer untauglichen, auf einer sinnfreien Ätiologie beruhenden Anamnese, eine genauso sinnlose Arznei verordnete, die von speziellen pharmazeutischen Unternehmen, mittels sinnfreier Rituale und dementsprechend überflüssiger Inanspruchnahme menschlicher Arbeit, hergestellt wird.

    Die Homöopathie ist schlichtweg ein Lügengebäude - und jedesmal, wenn einem Patienten ein Mittel als „wirksam“ oder besser noch „nachgewiesen wirksam“ präsentiert wird, wird weiter gelogen; und es wäre schon interessant zu wissen, wie oft das täglich in diversen Arzt- und Heilpraktikerpraxens oder Apotheken passiert.

    Ich jedenfalls bin immer wieder aufs Neue erschüttert, mich welcher Kaltschnäuzigkeit gerade diejenigen mit erkrankten Menschen umgehen, die nicht müde werden, der „Schulmedizin“ Unmenschlichkeit vorzuwerfen.

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  2. Lieber excanwahn,
    ja, so ist das. Und doch beleuchten wir wieder unterschiedliche Aspekte in unserer Diskussion.
    Zunächst meine ich, dass die Homöopathen und die Patienten, die sich der Homöopathie anvertrauen, nicht lügen. Sie glauben. Sie nun als Lügner zu bezeichnen, macht ein Abfallen vom Glauben ungleich schwerer, fühlt man sich doch angeklagt und nicht etwa "nur" aufgeklärt. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass selbst ein Aufklären oft für ein Anklagen gehalten wird - insofern verstehe ich Ihren Frust dann doch wieder gut.
    Zum anderen habe ich in meiner ärztlichen Tätigkeit (und zwar nicht nur in der homöopathischen) den Eindruck gewonnen, dass den Patienten selbst mit der besten Diagnose als Mensch kaum geholfen ist. Stellen wir zwar eine korrekte Diagnose, lassen die Patienten dann aber damit allein - dann finden sie beim Homöopathen/Heilpraktiker/noch Schlimmerem ein offenes Ohr - und fühlen sich dort "endlich" wirklich wahrgenommen.
    Hier sind Sie und ich aufgerufen, nicht nur verbrannte Erde und mundtote Homöopathen zu hinterlassen, sondern ein Umfeld für Patienten zu schaffen, in dem beides stimmt: die Diagnose und der Umgang damit.

    Ihrem letzten Punkt stimme ich allerdings absolut zu. Und, mich verblüfft aktuell auch, dass es die "netten, verständnisvollen, offenen, empathischen, menschenliebenden Homöopathen" sind, die mich aufs übelste beleidigen. Aber das kennen Sie wahrscheinlich schon viel länger.

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  3. Liebe Natalie,

    dem Satz "Zum anderen habe ich in meiner ärztlichen Tätigkeit (und zwar nicht nur in der homöopathischen) den Eindruck gewonnen, dass den Patienten selbst mit der besten Diagnose als Mensch kaum geholfen ist." kann ich nur begrenzt zustimmen.

    Letztlich ist das Ziel ärztlicher Bemühungen, den Patienten zu heilen - und ohne Diagnose keine sinnvolle Therapie.

    Dass vor allem die Diagnose schwerwiegender Erkrankungen zu Unterstützung bei der Bewältigung der emotionalen Belastung führen muss, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit - und ich selbst, sowohl als Patient, wie auch als Angehöriger, habe bisher nicht erlebt, dass sich ein Arzt diesen Gesprächen verweigert hätte.
    Ich erinnere mich heute noch mit Dankbarkeit an den Chefarzt der Onkologie, der meinen Vater während seiner letzten Tage begleitet hat, und dem nichts wichtiger war, als der Wille meines Vaters - der sich aber genau so Zeit für die Gespräche mit der Familie nahm.

    Mag sein, dass ich bisher Glück hatte, vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich von meinen Ärzten (wobei ich Ärztinnen bevorzuge) nie erwartete habe, für mein Wohlergehen universell verantwortlich zu sein.

    Natürlich habe kann ich mich, wie jeder andere auch, an Konsulationen erinnern, die in 2 oder 3 Minuten erledigt waren - aber, wer braucht schon länger, um z.B. einen grippalen Infekt zu diagnostizieren. Vor allem dann, wenn das halbe Wartezimmer mit Patienten gleicher Diagnose vollsitzt, und es keinen epidemiologischen Anlass gibt, eine echte Grippe ins Kalkül zu ziehen.

    Man muss immer wieder deutlich machen, dass ein erheblicher Anteil der zeitlichen Beschränkung, die ein Arzt in seiner täglichen Arbeit erlebt, eine Folge gesundheitspolitischer Entscheidungen, also fremdbestimmt ist, und dass die homöopathische Zuwendung nicht auf ein höheres Maß an altruistischen Motiven oder Empathie zurückzuführen ist, sondern letztlich der Tatsache geschuldet, dass die Zuwendung adäquat vergütet wird.

    Was die Reaktion Ihrer Kollegenschaft angeht, so habe ich mir das genau so vorgestellt, weil Ihre Häresie in der Öffentlichkeit seitens der Homöopathen-Verbände komplett ignoriert wird, und auch so gut wie keine Reaktionen der homöopathischen Anhängerschaft zu verzeichnen waren. Da greift man halt zur privaten Beschimpfung.

    Mein Mitleid ist Ihnen sicher - aber hatten Sie tatsächlich erwartet, dass man mit Ihnen anders umgehen würde?
    Unter Ideenfanatikern ist nicht das bessere Argument entscheident, sondern das Format des Knüppels.

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  4. Lieber excanwahn,
    sicherlich liegen viele Missstände an der derzeitigen Beschränkung des Arzt-Patienten-Kontakts durch gesundheitspolitische Entscheidungen. So komme ich ja im Buch auch zu dem Schluss, dass hier das größte Umdenken stattzufinden habe. Und dass uns der Zulauf zur Homöopathie darauf aufmerksam macht, wie nötig nicht nur ein Umdenken sondern va ein Umorganisieren in der Praxis ist. Die Wegrationalisierung des SPRECHZimmers ist alarmierend - selbst wenn es die von Ihnen genannten guten Ausnahmen gibt und sicher auch immer weiter geben wird.

    Sie haben recht. Eine korrekte Diagnose ist eine eindeutige Handlungsanweisung - insofern ist sie das A und O guter Medizin. Jedoch werde ich nicht müde zu betonen, dass gute Therapie auch einen menschlichen Umgang beinhaltet. Vielleicht verstehen Patienten jedoch irgendwann in naher Zukunft (gerne durch mein Buch und diesen Blog), dass sie nicht wirklich therapiert werden beim Homöopathen, selbst wenn er sich menschlich gebärdet - denn es gibt weder Diagnose noch Therapie.

    Dass die homöopathischen Kollegen das zuerst einsehen, diese Hoffnung habe ich nach den jüngsten Erfahrungen schon aufgeben müssen. Selbst mir nahestehende Homöopathen oder auch Frau Bajic vom DZVhÄ hatten "noch nicht die Zeit" mein (dickes, dickes) Buch zu lesen... Zeit für Beleidigungen schient da eher übrig zu sein. Das habe ich in der Tat nicht erwartet. Ich hätte gedacht, dass Homöopathen wissen wollen, was eine ehemals Überzeugte so sicher macht, dass die Homöopathie nicht weiter angewendet werden kann. Allerdings stimmt mich die durchaus größer werdende skeptische Bewegung in der Bevölkerung dann doch wieder hoffnungsvoll. We will see...

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  5. Liebe Frau Grams,

    ich bin nicht so optimistisch wie Sie ,was die zunehmende Skepsis gegenüber den Alternativen Heilmethoden betrifft. Im Gegeneil- dien Homöopathische Arzneimittel sind mittlerweile fest in unserer Gesellschaft etabliert. Ende der 80er habe ich ein Buch gekauft: "Kinderkrankheiten homöopathisch behandeln, Verlag GU". Schöne, bunte Aurabildchen der Heilstoffe auf dem Umschlag. Ich wollte alles richtig machen. Das war damals etwas Exotisches. Wenn Sie heute in die Buchhandlungen gehen, finden Sie Regalweise Literatur mit allen möglichen Heilsversprechen. Die Anzahl der Regalmeter, die die Esoterik und Alternativmedizin einnimmt, ist in den vergangenen 20 Jahren explodiert. Und das, ohne die sozialen Netzwerke mitzurechnen!
    Mich entsetzt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Homöopathischen Arzneimittel in der normalen Medizin angekommen sind! Beispiel: Meine (erwachsene) Tochter wurde vor wenigen Wochen kieferchirurgisch behandelt. Konventionell. Die Weisheitszähne wurden gezogen. Sie erhielt nicht nur ein Rezept für Schmerzmittel (Ibuprofen), sondern ganz selbstverständlich und ohne, dass sie danach gefragt hätte, auch eines für Globuli! (Arnica natürlich, gegen die Schwellung. Geschwollen war es trotz Kühlung). Von einem Kieferorthopäden bekam sie Ostheopathische Behandlungen verschrieben. Alle machen das jetzt, es ist der neueste Schrei.
    Ich selbst bin im Garten gestürzt und hatte eine geschwollene, schmerzhafte Stelle am Bein. In der Apotheke wollte ich eine "Sportsalbe" kaufen (sowas war mir "von früher" noch im Gedächtnis). Die Apothekerin fragte als allererstes: soll es etwas Homöopathisches sein? (Sie weiß nicht, ob ich auf Homöopathie stehe oder nicht.) Als ich verneinte, sagte sie. "Aber pflanzlich bestimmt." Ich bekam Arnica-Salbe, nach antroposophischer Medizin.
    Ich hätte noch mehr Beispiele dafür, wie selbstverständlich der Griff zu homöopathischen Kügelchen und Arzneien geworden ist. Und wenn nicht das, dann wenigstens pflanzlich. "Ohne Chemie". All dies steht für "natürlich", "gut". Wie Sie in Ihrem Buch beschrieben haben. Es geht in vielen Fällen gar nicht darum, dass ich als Patient bei meinem Arzt nicht menschlich behandelt oder in Gänze wahrgenommen werde. Es ist einfach ein Bestandteil unseres täglichen Lebens in der gut situierten Mittelschicht geworden und gehört selbstverständlich mit dazu. Heute bin ich ein Exot, wenn ich mich gegen die "Alternativ-Medizin" ausspreche!
    Kritik wird gar nicht herangelassen - genauso, wie oben von exanwahn beschrieben.
    BMR

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    1. Liebe(r) BMR,
      excanwahn wird mich wahrscheinlich zurechtweisen, aber diese Form der Homöopathie halte ich gar nicht für die schlimmste Form. Sicherlich etabliert sich damit ein grundsätzlicher Glaube an die Globuli und an die Homöopathie - und öffnet damit Tore zu einem unkritischen, magischen Denken.

      Allerdings - solange es den Patienten bei Bagatellerkrankungen oder als Hilfsmittel z.B. zur Begleitung und Selbstbehandlung hilft und nicht etwa dadurch wirkliche Therapie unterbleibt - kann es ja durchaus sinnvoll sein, sich Erleichterung durch homöopathische Placebos zu verschaffen. Das Abwarten bis Beschwerden z.B. nach der OP von selbst verschwinden, ist einfach leichter, wenn man meint, etwas tun zu können. Insofern verstehe ich den Platz in der Gesellschaft und die breite Akzeptanz.

      Problematisch daran ist, dass die Homöopathen (und genannte Verlage) die Globuli aber nicht etwa als Placebos bezeichnen, sondern als gleichwertige "Alternative" zur normalen Medizin. Das ist in der Tat sehr kritisch und auch unlauter. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass wenn man DAS den Menschen klar macht, dass sie von den Homöopathen quasi ver... werden - dann werden sie doch dagegen aufbegehren. Das mag noch dauern, aber es ist möglich. Bei Ihnen und mir hat das kritische Denken ja auch gegriffen;-)

      PS für die Osteopathie gibt es immerhin einige "Beweise", allerdings nicht für die craniosakrale Anwendung. Das Buch Gesund ohne Pillen von Ernst/Singh gibt hier gute Auskunft.

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  6. Liebe Natalie, wer bin ich schon, dass ich Sie zurechtzuweisen in der Lage wäre, angesehen davon, dass mir nichts ferner liegt; ich biete höchstens andere Sichtweisen an.

    Was aber den Einsatz sinnloser Medikamente angeht, da mein´ ich schon, dass wir versuchen sollten, eine gewisse Sensibilität im Umgang mit Arzneistoffen zu erhalten.

    Arzneimittel sind Substanzen, die auf irgendeine Weise in die Biochemie des Organismus eingreifen, und im besten Fall allein die gewünschte Wirkung erzielen, möglicherweise aber auch unerwünschte Nebenwirkungen.
    Wir sollten sie also mit Bedacht einnehmen, und auch nur dann, wenn der zu erzielende positive Effekt das Risiko möglicherweise auftretenden Nebenwirkungen rechtfertigt.

    Außerdem können wir in vielen Fällen - als Alternative zu Medikamenten - auf physikalische Hilfsmittel zurückgreifen.

    Ich habe in den frühen 1970er Jahren mit Leistungssport begonnen, und hatte, der Sportart angemessen, regelmässig mit Prellungen, Zerrungen und vor allem mit schmerzhaften Hämatomen zutun. Die letzteren haben wir als Erste Hilfe konsequent nach der PECH-Regel behandelt: Pause - Eis - Kompression - Hochlagern“. Das hat, meine ich, oftmals geholfen, und der Mechanismus
    - Verringerung der Einblutungen ins Gewebe durch Verengung der Blutgefäße -
    ist schlüssig.

    Heparin-Salben erklärte unser Sportarzt für überflüssigen Firleanz, schon allein deshalb, weil die Durchdringung der Epidermis in einem derart geringen Maße stattfindet, dass ein merkbarer Effekt nicht zu erwarten ist.

    Wenn mich heute ab und zu der Hafer sticht und mich auf die Tatami treibt, steht immer noch so ein Kühltäschchen mit ein paar Eisbeuteln bereit. Daneben liegt aber eine Packung Ibuprofen. Die ist dem Alter geschuldet.

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  7. Liebe Frau Grams,
    wie alt ist unser Sprichwort " Lachen ist gesund" ? Doch seit ein paar Jahren hat die Wissenschaft festgestellt, dass Lachen die körperliche Abwehr meßbar steigert. Wo ist da der Widerspruch?
    Es kann uns freuen, dass die Wissenschaft so weit gekommen ist und uns vor dem Schröpf und Aderlass Zeitalter bewahrt. Dennoch tun ein paar Schröpfgläser richtig angewandt auch heute noch sehr gut.
    Es gibt nicht nur Schwarz-Weiß, krank-gesund, Diagnose-festgelegte Therapie. Wenn exanwahn Ibuprofen bei einer Sportverletzung Arnika vorzieht kann er das gerne machen. Auch ohne jegliche Medizin und nur mit Eisbeutel wünsche ich ihm eine Besserung. Bei Ibuprofen muß er allerdings die Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Daran, dass jemand etwas Schlechtes in Kauf nimmt um nicht das Andere nehmen zu müssen, sieht man die Emotionalität dieser Diskussion, ein Glaubenskrieg, den ich nicht mitkämpfen werde. Ich bin Homöopathin und durchaus selbstkritisch und sehe auch die Gefahren. Doch auch tatsächlich wunderschöne Entwicklungen bei Kranken, die von der Schulmedizin austherapiert waren. Wie schrecklich schon der Ausdruck Austherapiert.
    Ich bin erfreut über die Diskussion mit kritischen Fragen, aber enttäuscht über emotionale Beschimpfungen und Platitüden.
    Ja, es gibt mehr als man heute erklären und beweisen kann und ja, man sollte es immer wieder neu hinterfragen. Doch nur, weil etwas wissenschaftlich nicht (noch nicht) erklärbar ist, ist es noch nicht schlecht. Wer heilt hat Recht gilt heute nach wie vor. ÄM

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    1. Korrektur:

      Im homöopathischen Komplexmittel Traumeel beträgt der Arnika-Anteil in 10 g. Salbe (nicht, wie geschrieben, in 100 g.) 0,15 g. Arnica montana in D3.

      An der Bewertung ändert sich dadurch aber nichts.

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  8. Lieber ÄM,
    sehen Sie, das war schwer für mich, das zu akzeptieren: Nur weil wir Homöopathen zufällig anwesend sind, während der Körper sich selbst heilt (wie schon immer und lange vor der Homöopathie), dürfen wir nicht etwa das Rechthaben für uns beanspruchen. In allen anderen Fällen, in denen der Körper das nicht alleine schafft, können wir zwar noch etwas bewirken durch den Placebo-effekt, aber da wir den ja gar nicht als Therapie beabsichtigen, haben wir auch da nicht recht. In allen anderen Fällen können wir nichts anbieten, das sich "Heilung" nennen darf. Wo also sehen Sie hier noch Erklärungsdefizite?

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  9. @ÄM

    Von welcher Arnika sprechen wir, bzw. Sie?

    Von „Arnika-Präparaten", die ihren Namen noch verdienen, oder von der homöopathischen Variante, bei der sich Zuckerkügelchen daran erinnern sollen, dass das Wasser, mit dem sie befeuchtet wurden, irgendwann mal etwas Arnika enthielt.

    Die klinisch wirksamen Arnika-Präparate enthält als Wirkstoffe Sesquiterpene, insbesondere Helenalin / Dihydrohelenalin, ätherisches Öle und Flavonoide. Klinisch belegt ist die Wirksamkeit des Henealins, das die Vermehrung von Mikroorganismen hemmt und Entzündungen entgegenwirkt.
    Allerdings sind Arnika-Präparate wegen der Toxizität und dem allergenen Potential des Helenalins / Dihydrohelenalins nur äußerlich (!) anzuwenden, außerdem existieren dem Gefahrenpotential angemessene Dosierungsvorschriften.

    Wir müssten also, wollten wir Ibu und ein Arnika-Präparat bezüglich des therapeutischen Sinns miteinander vergleichen, offenbar bei beiden Arzneien Nebenwirkungen bewerten.

    Ob eine Arnika-Salbe bei einem durch traumatisches Geschehen verursachte Hämatome eine sinnvollere Behandlung darstellt, als eine Erste Hilfe-Maßnahme, deren Ziel es ist, die Bildung des Hämatoms so gering wie möglich ausfallen zu lassen, will ich in jeder Beziehung anzweifeln.
    Dass Arnika-Salbe oder Tinkturen zu einem beschleunigen Abtransport des ins Gewebe eingeströmten Blutes führt, lässt sich anhand der wissenschaftlichen Literatur nicht belegen.
    Der wesentliche Effekt scheint im Bereich der Gewebetraumata scheint die Schmerzlinderung zu sein.

    Festzustellen ist weiterhin, dass selbst die Pharmazeuten der besonderen Therapierichtungen, z.B. Weleda oder Wala, Präparate anbieten, die über entsprechende Wirkstoffmengen verfügen.
    In der Arnica Salbe 30% der Weleda AG enthalten 10 g. Salbe 6 g. Wirkstoff in Form eines ethanolischen Auszug aus Arnica montana.

    Im homöopathischen Komplexmittel Traumeel dagegen beträgt der Arnika-Anteil in der Potenz D3 etwa 0,15 g. pro 100 g. Salbe. Traumeel ist als Produkt, sagen wir mal, umtritten, obwohl ja noch erkennbare Wirkstoffe vorhanden sind, wenn auch in sehr geringen Dosierungen, bei denen berechtigte Zweifel bestehen, ob sie in der Lage sind, eine bemerkbaren Effekt auszulösen.

    Arnika-Präparate, die aber über eine D6 hinausgehen, für die gilt: Keine Wirkung jenseits Placebo! Und bevor Sie, ÄM, jetzt auf die Idee kommen, die Datenlage wäre zu gering: Arnica montana ist das in Plazebo-kontrollierten klinischen Studien am häufigsten untersuchte homöopathische Mittel.

    Vielleicht versuchen Sie mit Blick auf die genannten Fakten, mal kurz darzulegen, warum ich auf Arnika (vermutlich auf die homöopathische Variante) zurückgreifen soll?

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  10. @Natalie Grams
    Ich bewundere ihre Arbeit aufrichtig!

    Wie fühlt es sich eigentlich speziell aus ihrer Sicht an mit den immer gleichen "Argumenten" konfrontier zu werden? Sie klären unter anderen in diesem Blog auf und die Kommentatoren interessiert das gar nicht. ÄM kommt z.B. wieder mit Erfahrung und "Wer heilt hat Recht".

    @ÄM
    Gerade Arnika ist doch ein wunderbares Beispiel für die komplette Beliebigkeit der Homöopathie. Schließlich verursacht Arnika bei Gesunden keine Prellungen oder ähnliches. Es sei denn sie schmeißen dem Probanten ein paar Kilo auf den Kopf... Dürfte also aus ihrer Sicht gar nicht funktionieren.

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  11. Lieber Ringo74,
    danke für Ihre freundliche Rückmeldung:-)

    Ich beiße mir an den Homöopathen ebenso die Zähne aus, wie andere Argumentierende vorher an mir, fürchte ich. Wobei ich in persönlichen Gesprächen/Emails doch schon den ein oder anderen Aha-Effekt erreicht habe. Ich habe die Hoffnung, wenigstens die zu überzeugen, die immer schon leichte Zweifel hatten und die, die nicht richtig informiert sind.

    Mir selbst geht es nun wohl ähnlich, wie nach dem Austritt aus einer Sekte - die vorherigen Glaubenssätze erscheinen im Rückblick doppelt bizzar. Allerdings kann mir dadurch kein Homöopath an den Karren fahren, von wegen ich würde mich nicht auskennen und müsste erstmal eigene Erfahrungen machen, bevor ich mitreden dürfte...

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