Montag, 6. Juli 2015

"Wie kommt eine Naturwissenschaftlerin überhaupt zum Humbug Homöopathie?"

Oft habe ich diese Frage in den letzten Tagen gestellt bekommen und ich habe auch in Teilen schon z.B. hier und da darauf geantwortet. Dennoch geht mir die Frage nicht aus dem Kopf. Ich schreibe hier meine Beweggründe, zum Teil sicher als Rechtfertigung (für mein Ego), vor allem aber, um zu erklären, "wie einer Naturwissenschaftlerin so etwas passieren konnte". Denn wie mir geht es sicher vielen. Ich wünsche mir, diese Menschen zu erreichen und vielleicht gibt mein Beispiel eine Erklärung, wie diese Menschen erreicht werden können. Gerade von Kritikern der Homöopathie.
Die Gründe sind vielfältig und überschneiden und summieren sich. Absolut klarstellen will ich hier, dass keiner dieser Punkte zwangsläufig zu einer Hinwendung zur Homöopathie berechtigt!

1. Studium:
  • Ich habe als Medizinerin ein naturwissenschaftliches Studium absolviert. Aber leider besteht das Medizin-Studium, aufgrund der großen Fülle an zu Wissendem, vor allem aus Auswendiglernen und nicht aus Verstehen. Was da an biologischem, chemischem, physikalischem, anatomischem und physiologischem Wissen in der Vorklinik zu Lernen ist, ist unfassbar. Ich fürchte, trotz Chemie-Abitur, ist es mir nicht gelungen, die nötige Tiefe des Verstehens zu erreichen. Arbeitet man dann erstmal als Arzt in der Klinik-Zeit mit diesem "Wissen", hinterfragt man es nicht mehr. Oder ich nicht genug.
  • Ich habe während des Studiums zwei Semester Statistik-Vorlesung gehabt. Auch hier ging es vor allem um schnell rein in den Kopf - und - schnell wieder raus. Es blieb eigentlich nichts hängen davon. 
  • Ich hatte keinerlei Ausbildung in Studien-Design, -Durchführung oder -Auswertung und -Interpretation. Während dies im Psychologie-Studium schon in den ersten Semestern gelehrt wird, kommt es im Medizin-Studium wenig bis (wie in meinem Fall) gar nicht vor.
  • Meine Doktorarbeit, die ja der "Beweis" sein soll, dass ich als Arzt wissenschaftlich arbeiten (und denken) kann, habe ich im Bereich von Qualitätssicherung geschrieben. Ich hatte also auch dort keine Erfahrung mit Patienten-Studien oder Wirknachweisverfahren. Generell sind medizinische Doktorarbeiten, die ja auch oft zeitgleich zum Studieren geschrieben werden, längst nicht immer so wissenschaftlich fundiert, wie angenommen oder wie in anderen naturwissenschaftlichen Fachbereichen.
  • Naturheilkunde und Homöopathie werden im Studium vorgestellt, es gibt Studentengruppen und Zusatzfortbildungen. Ich hatte während des Studiums wirklich das Gefühl, hier ginge es um eine akzeptierte Ergänzung des normalen medizinischen Wissens. Die Unvereinbarkeit der Grundsätze war mir damals nicht so augenscheinlich. Das homöopathische "Wissen" wird als "so ist es" präsentiert, genauso wie das medizinische Wissen. Welch krasser Unterschied in der Qualität des Wissens dabei vorhanden ist, ist mir erst bei der Recherche zum Buch aufgefallen. Spätestens in der Ausbildung zum Homöopathen fallen dann alle Zweifel weg, denn wird wirklich vermittelt: das ist so und da gibt es nichts in Frage zu stellen. Nicht wir Homöopathen haben ein Problem, sondern jeder, der an der Homöopathie zweifelt.
2. Denken: 
  • Der Unterschied zwischen schnellem und langsamem Denken ist mir auch erst während der Recherche zu meinem Buch klar geworden. Dass das rationale Denken mühsamer ist und dem Menschen nicht geschenkt wird, habe ich mir erst klarmachen müssen. Vorher hielt ich die Argumente für die Homöopathie für gleichwertig, wie die Argumente dagegen. Dass es sich im ersten Fall um Meinungen handelt, im zweiten Fall jedoch um mühsam erarbeitetes Wissen, das habe ich lange nicht klar gehabt.
  • Naturwissenschaftliches Denken schien mir nach meinen Erfahrungen in Studium und Klinik gleichzusetzen mit emotionaler Kälte. So wollte ich meinen Patienten nicht begegnen. Ein großer Aha-Effekt während der Recherchen zum Buch war: Krass, viele Wissenschaftler sind ja wirklich nett, offen und sehr bemüht darum, mir Wichtiges und auch Komplexes verständlich darzulegen. Intuitiv und schnell gedacht hatte ich sie in eine Schublade "weltfremd, kritisch um der Kritik willen, borniert, dogmatisch" gesteckt. Zu merken, dass diese Zuschreibungen jedoch eher für die Homöopathen, denn für die Wissenschaftler passen, das war schon ein Schock.
  • Der "Binnenkonsens" der Homöopathie und das "Wir sind die besseren Heiler"-Gefühl der Homöopathen hat eine gewisse Attraktivität - solange man nicht aus diesem Raum heraustritt. Jetzt ist es ganz schön arg, da von draußen darauf zu blicken und die Muster der Denkfehler klarer zu erkennen.
  • Die Heilerfolge in meiner Praxis schienen mich zu bestätigen, dass die Homöopathie einfach funktioniert. Ich stellte mich auf den "pragmatischen" Standpunkt: solange ich SEHE, dass es funktioniert, muss ich nicht VERSTEHEN wie es funktioniert. Damit war der Teufelskreis geschlossen. 
3. Persönliche Geschichte:
  • Ursprünglich wollte ich Chirurgin werden. Wie ich im Buch auch kurz darlege, bin ich selbst erst zur Homöopathie gekommen nach dem ich wegen psychosomatischer Beschwerden über ein halbes Jahr hinweg von Facharzt zu Facharzt, gelaufen war. Dort fragte keiner nach meiner Geschichte, aktuellen Situation oder inneren Verfassung. Ich war verzweifelt und stand kurz vor der Aufgabe meines Studiums, da ich so auch nicht im OP würde arbeiten können. Ich kam dann auf Empfehlung einer Kommilitonin zu einer Homöopathin und sie hörte mir zu. In mir stellte sich die "Kausalität" her: die Homöopathie hat mir geholfen, denn in der Tat blieben die Beschwerden zunehmend aus (weil ich ja die Globuli nahm) und ich konnte normal weiter studieren. Warum schreibe ich diese sehr privaten Dinge? Weil ich davon überzeugt bin, dass es oft ähnlich Erlebnisse mit der normalen Medizin sind, die Ärzte und Patienten zur Homöopathie bringen. In einer Notlage Gehör zu finden und einen Raum, in dem man emphatisch aufgefangen wird, das tut gut. Dieser "Raum" wird dann nicht mehr kritisch  hinterfragt.
  • Der reale Umgang mit Patienten im normalen klinischen Durchlaufbetrieb war mir ein Gräuel. So wollte ich nicht arbeiten. Ich hatte ja selbst erlebt, wie hilflos man sich fühlt, so allein gelassen zu werden mit dem individuelleren Teil der gesundheitlichen Problematik, dass ich meinen Patienten etwas anders anbieten wollte. Da kam mir dann die "Alternativmedizin" wie eine wirkliche Alternative vor. 
  • Sobald ich mich im "alternativmedizinischen Zirkel" befand, befand ich mich im Denkfehler. Zwar blieb wohl immer ein unbewusstes Gefühl der kognitiven Dissonanz, aber lange eben nicht schmerzhaft genug, um bewusst zu werden.
Es gibt sicher noch eine Reihe von weiteren Faktoren, aber ich denke, das sind die wichtigsten Punkte. Ich denke auch, dass es immer ein persönlicher Grund ist, an der Homöopathie hängen zu bleiben, eine wichtige persönliche Erfahrung. Schwört man erstmal auf diese Erfahrung, so ist man mit besserem Wissen nicht mehr zu erreichen. Die Vermittlung von Wissen ist sicher unerlässlich in der Aufklärungsarbeit in Bezug auf die Homöopathie - aber ohne Reminiszenz an die persönliche Geschichte jedes einzelnen "Überzeugten" wird sich nichts ändern. Eben weil wir Menschen nicht automatisch zum rationalen Denken neigen. 

Kommentare:

  1. Schön haben Sie die Mechanismen beschrieben, die sie dazu brachten, "das Ufer zu wechseln". Dieser Wechsel kostet Geld, weil die Kurse für die Jodeldiplome teuer sind. Die Motivation zum Wechseln der Uferseite entspringt bei vielen Kollegen einer Frustration durch den Durchschleusebetrieb Praxis. Viele erkennen ihren Irrtum auch, aber zurück schaffen es nur wenige, weil dann ihre eigene Geschäftsgrundlage futsch ist. Kammern und Jodeldozenten verdienen prächtig:

    http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2013/08/21/quacksalberei-fur-zahnarzte-eine-entscheidungsfindung/

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  2. Ich habe nicht Medizin Studiert, aber einen interdisziplinären Studiengang, wo ich einige Vorlesungen von Medizinern gehört habe und mich genau über die gleichen Dinge geärgert habe, wie die welche Sie beschreiben - begünstigt durch so genannte Ringvorlesungen, wo sich die Dozenten nicht untereinander Absprechen, wo nicht einmal jede Vorlesungsstunde an sich eine sinnvolle strukturierte Gliederung hatte - wo hunderte sinnlose Einzelbestandteile von irgendwelchen Rezeptormolekülen betitelt (und hinterher auch abgefragt) wurden - was interessiert mich bitte ob es JAK-Kinase 1, 2 oder 3 ist die da mit Ubiquitinon 1 oder 2,...oder 9 reagiert ... das bringt einem gar nichts bei ~30 000 Genen mit jede Menge mehr Proteinen (durch das Splicing sind ja mehr mgl.) in der Zelle plus deren Kinetiken bei Produktion und Reaktion, wenn ich die Namen der Proteine kenne
    und auch leider die anderen Punkte zum Thema Patienten Betreuung und Co beobachte ich zunehmend und finde sie gefährlich, da sie auch Fehldiagnosen+Fehlbehandlungen um ein Vielfaches begünstigen und leider unseriösen Zweigen Konsumenten zutreiben die dann noch in Dinge wie Impfkritik und Co übergehen - aber es ist schön, dass der Weg manchmal auch wieder zurück führt :)

    viele Grüße MINTiKi

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    http://mintiki.de

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