Samstag, 1. August 2015

"Studien interessieren mich nicht, ich weiß doch, dass die Homöopathie wirkt"

Das Thema Homöopathie und Studien ist hochkomplex. Ich möchte mich in diesem Blog-Beitrag einer Entgegnung widmen, die ich sehr häufig zu hören bekommen habe in den letzten Diskussionen und die ich auch noch von mir selbst gut kenne:  "Studien interessieren mich nicht, ich weiß doch, dass es wirkt".
Zunächst einmal will ich die Frage beantworten, wozu wir Studien generell überhaupt brauchen. 

Bevor ein Arzneimittel am Patienten angewendet werden darf, wird es in prä-klinischen Studien theoretisch untersucht, um herauszufinden und zu bestätigen, WIE es wirkt, also welcher Wirkmechanismus zu Grunde liegt. Hier spielen die naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Chemie und die Physiologie eine große Rolle. 
Dann erst folgen die praktischen klinischen Studien. In einem ersten Schritt muss dabei klargestellt werden, wie der zu untersuchende Arzneistoff auf den Körper einwirkt (Pharmakodynamik) und wie er sich im Körper verteilt und dann verstoffwechselt wird (Pharmakokinetik). Dies wird erst mit sehr geringen Dosen des Arzneistoffs ausprobiert, später mit ansteigenden Dosierungen, um mögliche Nebenwirkungen aufzuspüren. Es wird versucht, zu ermitteln, welche Dosis die beste Wirkung und die geringsten Nebenwirkungen erzeugt. Anschließend muss bestätigt werden, dass der Zusammenhang zwischen der Gabe des Medikaments und der zu erwartenden therapeutischen Veränderung signifikant ist. Dazu wird es meist mit einem Placebo oder mit einem anderen bereits etablierten Medikament verglichen. Erst dann darf ein Medikament zugelassen und eingesetzt werden, wobei weiterhin beobachtet wird, ob und welche Nebenwirkungen in der Anwendung bei großen Patientenzahlen auftreten. Nur in ca. 8% der Fälle schafft ein Arzneimittel diesen Prozess und darf angewendet werden (FDA 2004)!

Soweit zum Standard-Vorgehen innerhalb der normalen Medizin. Wer sich die Quellen ansieht, wird feststellen, was für ein hochkomplexes und aufwendiges Verfahren es ist, ein Medikament zuzulassen.

Dagegen steht nun die Homöopathie, die als besondere Therapierichtung von einem solchen Nachweis ausgeschlossen ist. Weil die Homöopathen behaupten, dass ihre Medikamente "anders" wirken würden und einen solchen Studien-Prozess nicht durchlaufen könnten, werden sie anders behandelt. Als Homöopathin fand ich das selbstverständlich. Ja, die Homöopathie lässt sich eben nicht durch so komische Festlegungen "prüfen". Sie funktioniert über spezielle Energie, die beim Potenzieren entsteht, da kann sie nicht prä-klinisch mit so rüden Methoden wie naturwissenschaftlichen Wirkmechanismus-Nachweisen behelligt werden. Sie funktioniert individuell, da kann man nichts in Studien vergleichen. Wer sie anwendet sieht doch, dass es auch ohne Studien funktioniert! 

Heute bin ich verblüfft, dass es ein solches Ausnahme-Modell gibt in unserer Medizin, denn 
1. wird der Homöopathie dadurch das Recht eingeräumt, angewendet zu werden, auch wenn ihr theoretisches Konzept derart widersinnig ist (aus Sicht des heutigen Wissensstands), dass naturwissenschaftlich noch nicht mal eine spezifische Wirkung in der prä-klinischen Phase erwartet werden kann. 
Und 2. dürfen unabhängig vom Scheitern in Schritt eins, trotzdem klinische Studien gemacht werden. 

Doch selbst wenn diese Studien dann ergeben, dass die Homöopathie nicht besser wirkt als ein Placebo, dann schreien nicht etwa alle auf und denken nach, sondern fühlen sich in ihrer Andersartigkeit und damit Unüberprüfbarkeit erst richtig bestätigt. Wir sind anders! Wir sind besser als Naturwissenschaft! Wir sind besser als klinische Studien! Denn jeder einzelne Patienten und Homöopath weiß einfach, dass es funktioniert.

Doch worauf baut dieses Wissen auf? Sicher habe auch ich als Homöopathin, auch als homöopathische Patientin und mit meinen Patienten die Erfahrung gemacht: es verändert sich etwas unter homöopathischer Therapie. Schmerzen verschwinden, Hämatome heilen, Ödeme gehen zurück, Depressionen bessern sich. Doch das heißt nicht, dass die Homöopathie als Arzneitherapie dafür verantwortlich ist. Wir vergessen einfach, dass es vier Möglichkeiten gibt:

1. Nach der Einnahme verbessern sich die Beschwerden
2. Nach der Einnahme verändert sich nichts
3. Eine Verbesserung tritt auch ohne die Einnahme eines Medikamentes auf
4. Man nimmt kein Medikament und es verändert sich auch nichts

Zu sagen, "Mir hat es geholfen" bedeutet lediglich, dass man in der erste Gruppe war. Ich habe jedoch in meiner homöopathischen Tätigkeit auch alle 3 anderen Gruppen erlebt, an mir selbst und an meinen Patienten (Gruppe 4 wird wohl meist am größten sein).

Klar, sagen nun wieder viele Homöopathen, weil es eben nicht das richtige Medikament war, hat sich nichts verändert. Oder das richtige Medikament hat eben erst Langzeitfolgen, das kann man ja gar nicht so schnell beurteilen, wenn sich erstmal nichts tut. Oder es war die Erstverschlechterung. Oder der Patient hat störende Agenzien (Kaffe, Zahnpasta) genommen, also konnte es ja gar nicht wirken. Die Homöopathie heilt von innen nach außen, da muss sich erst innerlich was tun. Die Homöopathie heilt von oben nach unten, der Haarausfall ist schon mal weg, das wird schon noch. Oder der Homöopath war einfach der Falsche, hat die falsche homöopathische Schule/Ausbildung/Auffassung. Oder die Veränderung ist so individuell, das ist von außen gar nicht wahrnehmbar. Oder, oder, oder...

Es gibt unabhängige Studien, damit solche individuellen und subjektiven Aussagen/Erfahrungen/Meinungen objektivierbar sind. Sie alle drehen sich um die Frage: Wie wirkt das Medikament. Und: Können wir das sicher nachweisen?

Aber die Homöopathen haben auf alles eine Antwort, nur nicht auf die Frage: Wie wirkt die Homöopathie? Dennoch beharren sie darauf, dass sie wirke (besser als ein Placebo). Abenteuerlich und heute für mich nicht mehr nachvollziehbar. Für jemand anderen auch?





(1) Schumacher M, Schulgen G (2008): Methodik Klinischer Studien: Methodische Grundlagen der Planung, Durchführung und Auswertung. 3., überarb. Auflage. Springer Verlag

Zum Weiterlesen:
Die trügerische Kraft des Einzelfalls: http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/medizinjournalismus-die-truegerische-kraft-des-einzelfalls/

Kommentare:

  1. Hallo Frau Grams,
    erstmal Glückwunsch zu Ihrer "Erleuchtung" :).
    Das Thema Homöopathie und Studien ist eigentlich nur in einer Richtung komplex, nämlich den ganzen verschleierten Pfaden der Förderer und Lobbyisten auf die Spur zu kommen. Das Grundproblem ist, dass Deutschland zwar eine Verfassung hat, die sich neben Gott hauptsächlich der Aufklärung und dem Rationalismus verschrieben hat, gleichzeitig aber zulässt, dass ein Bundesadler auf dem HAB prangt. Es ist eine arge kognitive Dissonanz, Mr. Spock zertifiziert Hogwarts oder so.

    Erklärbar ist das sicher mit den Juristen aller Kategorien, die im Denken von Möglichkeiten aller Art so gut geschult sind, dass sie zweifelsfrei auch die Schwerkraft auf dem Papier aufheben könnten. Das ist vermutlich einfach notwendig, um eine vernünftige Verfassung zu bekommen, die sich nicht im Alltäglichen festklammert und abstrahiert.
    Darum gilt für die Homöopathen und Anthroposophen kein normaler wissenschaftlicher Standard, sondern eben der besondere, der sich in freischwebend persönlicher Phantasie manifestiert. Was jetzt überspitzt und etwas undeutlich ist - die ganze Historie dazu ist natürlich auch wesentlich.

    Das Hauptproblem der Homöopathie ist nicht, dass es sie gibt, sondern, dass sie einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt. Ansich kann man mit ihr leben, im Normalfall unschädlich und harmlos, so wie ein Vereinsschal für einen Fußballfan. Bringt kein Tor mehr, man fühlt sich aber besser.

    Aber sie will ja Wissenschaft sein. Das geht halt nicht, ohne die (fast) ganze Physik oder Chemie komplett umzudrehen. Ist ja denkbar, aber widerlegen, was offensichtlich funktioniert, ist stets nur mit einem Modell möglich, das noch besser funktioniert. Da hapert es halt gewaltig, die Klügeren unter den Homöopathieunterstutzern und Forschern sind sich dessen schon länger bewusst. Ein Lüdecke verkündet seine Statistiken auch eher nur unter Vorbehalt, Claudia Witt hat sich einiges an Reflektionsvermögen behalten und formuliert arbeitgeberfreundlich aber verhalten (“weitere Studien nötig” ist immer gut), ein Harald Walach, als er noch nicht die Speerspitze der Aufklärung war und Kommunikation mit Außerirdischen im Spiegelschrank für promotionsgeeignet hielt, mit der Münchener Kopfschmerzstudie auch ziemlich am Boden der Tatsachen. Der merkantile Trend der Homöopathen geht momentan Richtung Quntengefasel, stets nach dem alten deutschen Gelehrtenprinzip “Ich kann so schwurbeln, dass du mich nicht verstehst, deswegen hab ich recht.” Ein Großteil der potentiellen Kundschaft lässt sich damit beeindrucken, was will man mehr.

    Wissen Sie vermutlich eh alles, ich hab das nur mal versucht, zu ergänzen ;)

    Noch ein Lesetipp, weil das immer die Standardargumentation ist, “Wer heilt, hat recht!”:

    https://www.psiram.com/ge/index.php/Wer_heilt_hat_Recht

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  2. Danke, lieber Groucho, für Ihre Ergänzung. Ja, die charmant-empathische Lobby-Arbeit der Homöopathen wird gerne ganz anders wahrgenommen (wenn sie überhaupt wahrgenommen wird) als die der "harten, fiesen Pharma-Lobby". Diesen Teil hab ich in diesem Blog (dies)mal rausgelassen.
    Und, genau diesen Punkt greife ich im Buch ja auf: Die Homöopathie will Medizin sein und Medizin ist Wissenschaft. Entweder akzeptiert die Homöopathie das oder sie muss raus aus der Medizin. Da werden ihr auch keine Quanten in homöopathischen Logik-Dosen helfen;-)

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