Sonntag, 25. Oktober 2015

Wer heilt, hat Recht?

Der sicherlich am häufigsten gebrauchte Satz in Diskussionen um die Homöopathie ist "Wer heilt, hat Recht". Wenn dieser Satz fällt, scheint dann jede weitere Diskussion über theoretische und praktische Mängel der Homöopathie erledigt. "Es scheint schwer, diesem Argument etwas entgegen zu setzen. Aber auch nur deswegen, weil es gar kein echtes Argument ist. Denn die Aussage “Wer heilt, hat Recht” setzt voraus, dass 1) tatsächlich jemand von etwas geheilt wurde und dass 2) die Heilung ursächlich auf eine bestimmte Therapie zurückgeführt werden kann. " (1) Aber wenn ein Patient geheilt ist, was zählt es da noch, dass es Mängel in der Theorie gibt oder ob die beiden zitierten Bedingungen erfüllt sind?
Die Homöopathie kann weder begründen, wie sie wirken sollte (die Verdünnung der Arzneimittel ist bizarr groß und schließt eine Wirkung aus; das Übertragen einer Energie ist wissenschaftlich unhaltbar), noch kann sie praktisch in Studien überzeugend darlegen, dass sie überhaupt heilt, bzw. sicher eine Wirkung über einen Placeboeffekt hinaus hat. Sie kann nicht begründen, wo und wie sie über zufällige und ganz natürliche Heilungen, die der Körper selbst bewerkstelligt, hinaus geht. Wenn ca. 80% aller Beschwerden (von chronischen Diagnosen wie z.B. Diabetes, Bluthochdruck, etc. mal abgesehen) von alleine wieder verschwinden (2) und ein Homöopath derweil zugegen war, hat er dann Recht? Ich habe mir das als Homöopathin sicherlich zu oft auf meine eigenen Fahnen geschrieben und "Wunderheilungen" auf meine Therapie zurückgeführt. Und Patienten haben Verbesserungen auf die von mir aus gewählten Globuli zurückgeführt - aber hatte ich deswegen Recht? Ich war anwesend, als der Körper sich selbst heilte. Ich habe vielleicht mit meinen Gesprächen einen Raum geschaffen und Zeit gut genutzt, aber geheilt habe ich nicht.

Der Satz verschleiert aus meiner heutigen Sicht also eher die Tatsache, dass die Homöopathie eben nicht plausibel begründen kann, wie sie heilt und ob sie überhaupt heilt. Aber es ist schwer, das einzusehen. Ich gebe auch nicht gerne zu, dass ich mich bei der Einschätzung meiner Heilerfolge getäuscht habe. Sicherlich ist es schön, dass es vielen meiner Patienten besser ging und auch, dass ich daran teilhaben durfte. Aber Verursacherin war ich nicht. Und auch die Homöopathie war nicht verursachend. Das ist natürlich bitter. Es brechen einem einige Zacken aus der Krone.

Was ich nicht verstehe ist, dass dieser Satz vor allem dann fällt, wenn Methoden besprochen werden, die noch nicht einmal im Ansatz begründen können, dass sie überhaupt heilen - während der "Schulmedizin", die das in vielen Fällen sehr wohl begründen kann, ein Heilpotential pauschal abgesprochen wird. Die "Schulmedizin", die ihr ganzes Augenmerk darauf legt, zu begründen, zu erklären und nachzuweisen, dass und wie sie wirkt, wird als bösartig, schädlich und krankmachend dargestellt und leider auch erlebt. Natürlich geschehen auch in der normalen Medizin Fehler, aber diese beruhen dann auf individuellen Fehleinschätzungen, falschem oder unterlassenem Handeln. Das kann fatal sein, hat aber nichts damit zu tun, dass das Wissen und der Nachweis der Heilung prinzipiell vorhanden sind - ganz im Gegensatz zur Homöopathie.

Wenn der Satz fällt, sollte nicht etwa aufgehört werden mit der Diskussion. Es sollte angefangen werden, darüber zu sprechen: Ist eine Heilung plausibel und nachweislich erfolgt? Lag überhaupt ein krankhafter Zustand vor? Kann nicht auch Zufall oder die vergangene Zeit verantwortlich für die Verbesserung gewesen sein, die Regression zur Mitte? Welche Nachweise gibt es für die angeführte Methode bezüglich ihrer theoretischen und praktischen Erkenntnisse? Gibt es Studien? Und gibt es Hinweise, jenseits der eigenen (Einzel)Erfahrung, dass wirklich eine Heilung stattgefunden hat? Aber diese Fragen sind verwirrend, sie rufen ein mitunter unbehagliches Gefühl hervor. Es ist menschlich verständlich, sich dann schnell zu retten mit diesem Satz, der drauf abzielt, dass ja letztlich nur das Ergebnis wichtig ist. Wie sehr man sich bei einem gefühlten, subjektiven "Ergebnis" aber täuschen kann, habe ich ausführlich beschrieben. Wer dennoch innerlich denkt: "Mir haben die Globuli aber trotzdem geholfen", der möge bitte hier und hier einen Blick hineinwerfen.
Wir brauchen die wissenschaftliche Methodik, um gefühlsfrei zu unterscheiden, wo und wann und ob dieser Satz wirklich berechtigt ist. Bei der Homöopathie ist er es sicherlich nicht.



Zum Weiterlesen:
(1) http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2013/08/10/wer-heilt-hat-recht-uber-die-erfolgsgeschichten-der-alternativmedizin/
(2) Schweiger M. (2005): Medizin. Glaube, Spekulation oder Naturwissenschaft? Gibt es zur Schulmedizin eine Alternative? W. Zuckerschwerdt Verlag, München

Zu Gucken:
Erfolgsgeschichten der Alternativmedizin: JörgWipplinger: http://www.diewahrheit.at/video/erfolgsgeschichten-der-alternativmedizin



Kommentare:

  1. Heißt es nicht: "Wer Recht hat, heilt!"?

    http://www.dr-bertelsen.de/documents/Transparent_KZVB_Nr13-2012_Wer_recht_hat_heilt.pdf

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    1. Schrieb ich im Buch ja auch so, wollte aber hier etwas Neues sagen. Wobei, so neu ist es ja gar nicht. Haben zig andre vor mir gesagt...!

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    2. Bei Ihren drei Tipps am Ende, habe ich herzlich gelacht (obwohl es eigentlich nicht lustig ist). Vielen Dank dafür:-)

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    3. Auch ich habe vor allem bei Punkt 2 herzlich lachen müssen und in Kombination mit Frack und Zylinder werde ich dieses Bild mir ab jetzt immer mal wieder ins Gedächtnis rufen.
      Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag.

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  2. Ich finde der Satz tut bei genauerem Hinsehen fast schon weh. Wer heilt, der hat geheilt. Warum soll das etwas mit Recht haben zu tun haben? Das ist doch ein Kategorienfehler.

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  3. Der Satz wird aber in erster Linie deswegen verwendet, um Diskussionen zu beenden, nicht um sie zu beginnen. In diesem Sinne darf er auch verstanden werden: Hör auf zu zweifeln, vertrau mir, ich habe dich geheilt, punkt.
    Das wirkt bei den Leuten, die nicht gerne zweifeln. Und die anderen gehen nicht zum Homöopathen.
    Auch hier wieder der Verweis auf die Autorität des Heilers. Der Satz ist ein Musterbeispiel dafür, dass diese Form des "Heilens" eine religiöse ist. Der Heiler als Autorität darf nicht angezweifelt werden, er steht außerhalb jeder Kritik.
    Dass das Pferd von hinten aufgezäumt wird, ist zwar ersichtlich, will aber von der Zielgruppe nicht gesehen werden. Dem Heiler wird das scheinbar Wundersame - die plötzliche Genesung etwa - zugeschrieben, er erfährt somit eine Art Aufladung, eine Reputation, die letzten Endes alles überwiegt.
    Darauf angesprochen, antworten viele Betroffene dann (genervt), dass es doch schlussendlich egal sei, ob der Heiler oder der Zufall die Ursache war, wichtig sei doch schließlich und einzig die eingetretene Besserung.

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  4. "Wer heilt, hat Recht", ist einer der Sprüche, die in ihrer falschen Anschaulichkeit zum festen Repertoire der Torheit gehören, um die es hier eigentlich geht. Mit der Wirklichkeit abgeglichen, stellt sich heraus, dass er mindestens drei Irrtümer geradezu zwanghaft reproduziert (was man als Satz aus vier Wörtern auch erstmal schaffen muss).

    1) Erstens gibt es bei alternativmedizinischen Behandlungen allzu oft keine behandlungswürdige Krankheit, oder wenn es eine gibt, dann eine andere als die, die behandelt wird. Bei den verschrobeneren Modellen der Alternativ"medizin" werden sogar in der Regel Krankheiten behandelt, deren Existenz nicht bewiesen werden kann. Wie schon Dr. House sagte: "Ihre Differentialdiagnose, bitte!" Wenn die Alternativmedizin schon diagnostisch so schwach ist, wie soll sie dann heilen?

    2) Stellt sich ein Genesungserfolg ein, so ist er vor allem bei der Homöopathie nachweislich nicht auf den arzneilichen Aspekt der homöopathischen Behandlung zurückzuführen. Woher weiß man das? Wenn alle qualitativ hochwertigen Studien zu dem Thema besagen, dass homöopathische "Arzneien" nicht besser wirken als Placebos, dann sind sie in ihrer beobachtbaren, verifizierbaren Wirkung mit Placebos gleichzusetzen, was immer man noch für Phantastereien mit ihnen verbindet ("Miasmen", "Simile-Prinzip", "Information" etc.) Vergleichbares gilt für die überwältigende Mehrheit der anderen "alternativmedizinischen" Methoden. Vgl. "Gesund ohne Pillen?" v. Edzard Ernst und Simon Singh. Das Buch bietet auch eine wunderbar griffige Einführung/Übersicht zum Thema "qualitativ hochwertige Studie".

    3) "Recht haben" hat vor dem Hintergrund, dass sich die Alternativ"medizin" sowohl bei ihren Diagnosen als auch bei ihren Heilmethoden nicht auf nachprüfbare, reproduzierbare Tatsachen beruft, sondern auf Gerücht und Vorurteil, denselben Charakter wie der Stolz eines Menschen, der triumphierend ausruft: "Ich sehe, dass sich die Sonne über den Himmel bewegt, also muss sie sich um die Erde drehen." Perfekt anschaulich, perfekt empirisch "belegbar" und perfekt falsch.

    Mit anderen Worten: "Alternativ" mag sich das schon nennen, Medizin ist es nicht. Und damit dann auch keine Alternative mehr.

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    1. @Marcus Hammerschmidt

      Wir alle haben ein Kausalitätsbedürfnis (auch bekann als "Hume-Phänomen") und dieses wird zum Vehikel gemacht, um die Kasse zum klingeln zu bringen: http://www.dr-bertelsen.de/documents/Homoeopathie-Journal-8-11_2.pdf

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