Freitag, 13. November 2015

Für alle Homöopathen, die meinen, meine Story wäre nur erfunden...

Für das Buch "Die Homöopathie Lüge" wurde ich damals von der Autorin und Wissenschaftsjournalistin Nicole Heißmann interviewt. Völlig überzeugt von der Homöopathie, hatte ich keine Sorge gehabt, für ein Homöopathie-kritisches Buch auszusagen. Mehr noch, ich war sogar so sehr von der Homöopathie überzeugt, dass ich mir sicher war, die Autorin könne von mir noch etwas lernen über die Wunder von Hahnemanns Heilmethode. Aus heutiger Sicht bin ich erschrocken über die Unverfrorenheit meiner Antworten. Ein paar davon möchte ich hier teilen. Es zielt dabei einiges auf die Empfindungsmethode ab, der ich damals besonders anhing. Die Argumentationen sind sonst aber weitgehend deckungsgleich mit den üblichen homöopathischen. Vielleicht überzeugt ja dieses Interview diejenigen Homöopathen, die mir vorwerfen, die ganze Story sei nur ein Mediengag?
  • Welche Patienten behandeln Sie? 
"Meine Patienten sind meist schulmedizinisch austherapiert, nichts hat geholfen, Patienten, die sich nach einem alternativen Weg umschauen, Chroniker, z.B. Hauterkrankungen: Neurodermitis, Psoriasis, unklare Ekzeme allergischer Art mit unklarer Ursache. Im emotionalen Bereich: diagnostizierte Angst- und Essstörungen, Schulangst bei Kindern; Leute mit leichter bis schwerer depressiver Lebensverstimmung. Sie kommen und wollen gezielt Homöopathie, sie zahlen oft sogar privat die 2-3 Stunden Erstanamnese."
  • Wieso konnte die Wirkung der Homöopathie über ein Placebo hinaus bisher nicht nachgewiesen werden? 
"Es ist so schwer, mit schulmedizinischen Methoden zu erfassen, was Homöopathie möchte: nicht nur dass die Symptome weg sind, sondern das, was dafür verantwortlich ist, beseitigen, z.B. im Erleben des Patienten. Wie wollen Sie das unter Studienbedingungen messen? Vielleicht sind die Symptome im ersten Moment noch da, aber die Empfindungen sind verändert? (...) Chirurgie ist leicht, Arm kaputt, ich mach den Arm wieder ganz. Das Prinzip bei Homöopathie-Patienten dagegen ist: Stamm kaputt – ich mach den Stamm heil, nicht nur die Blätter wieder schön."
  • Wie stellen Sie sich die Wirkung vor? 
"Wenn man sagt, man heilt auf feinstofflich-energetischer Ebene, dann macht es Sinn ein Medikament zu geben, das auf dieser Ebene arbeitet." Was ist feinstofflich? "Letztlich sind wir alle nur sehr kondensierte Energie, physikalisch gesehen, wenn man das verinnerlicht, dann ist eine Betrachtung des Lebens nicht nur auf der stofflichen, sonder auf der feinstofflichen Ebene nötig. Krankheit ist auch nur eine Form von Energie, die kann man durch ähnliche Energie bekämpfen, das ist wie Kongruenz. Man legt ein ähnliches Energiemuster drauf, und es wird besser, ich stelle mir vereinfacht vor, im Patienten ist eine Art energetisches Loch, da "legt" man ein ähnliches Zuckerkügelchen drauf, dann normalisiert sich der Energiezustand des Patienten. Wir haben dafür keine Begriffe in der Schulmedizin. (...) Ich bin da pragmatisch, wenn ich sehe, es scheint ja zu funktionieren, dann  reicht mir das. (...) Bis zur Entdeckung von Röntgenstrahlen hat man ja auch nicht geglaubt, dass man den Körper durchleuchten kann. (...) Was schade ist, ist, dass zu diesem Mechanismus so wenig geforscht wird, weil an Zuckerkügelchen für €6,20 oder an wirklicher Heilung kein Interesse da ist von Seiten der Pharmakonzerne. (...) Bei den positiven Effekten der Homöopathie geht es  nicht nur um die gute Arzt-Patienten-Beziehung, ich sag ja im Gespräch gar nicht viel, ich geb´ denen kein emphatisches Gefühl!"
  • Wie, glauben Sie, wirkt die Homöopathie? Zufall? Wäre auch ohne besser geworden? Placebo? 
"Das kann man nie ausschließen, auch bei Aspirin nicht, aber wenn man mit einem gewissen System vorgeht, stellt man sich unter Heilung auf Empfindungsebene was anderes vor.  (...) Wenn ich ein homöopathisches Medikament gebe, erwarte ich, dass der Patient (der weiß übrigens oft nicht, was genau er kriegt) über Veränderungen berichtet, aber es ist ein Unterschied, ob der Patient sagt, da findet auf der Empfindungsebene was statt oder wenn er sagt, alle Symptome sind besser, aber auf der Empfindungsebene hat sich nichts verändert – denn dann interpretiere ich das als Placebo-Effekt, weil sich nicht spezifisch was verändert hat. Ich kann das also unterscheiden."
  • Gedächtnis des Wassers? 
"Da kenn ich mich nicht richtig aus, aber wenn man tatsächlich davon ausgeht, dass alles Energie ist, kann die Energie auch überall Abdrücke hinterlassen (...)"
  • Wie schätzen Sie auf einer Skala von 0 (=unmöglich) bis 100 (=sicher) die grundsätzliche Möglichkeit ein, dass homöopathische Arzneien ab einer Potenz von D23 wirksam sein können? 
"100, sonst würde ich das nicht machen".

Ich lass das jetzt einfach mal umkommentiert so stehen. Meine heutige Position und meinen (langen und mühsamen) Weg dorthin habe ich ja hier und dort beschrieben.

(in meiner Praxis beim Arbeiten Sept 2011)


Danke an Frau Heißmann für die Bereitstellung des Interviews. 




Kommentare:

  1. Vielen Dank, für den interessanten Einblick.
    Ihr Beispiel zeigt, dass selbst bei den Menschen, die mit recht abstrusen Argumenten die Homöopathie verteidigen, steter Tropfen doch etwas bewirken kann.
    Vielen Dank für ihre Offenheit bezüglich der eigenen Vergangenheit!
    Grüße
    R. Wagels

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    1. Danke Ihnen. Ich hoffe auch, dass mein steter Tropfen nun vielleicht den ein oder anderen Stein erweicht;-)

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  2. Vielen Dank.
    Sie waren da ja voll im Homöopathie-Ductus. Schwingungen, alles ist Energie etc, was man halt so hört; und natürlich nicht zu vergessen "Wir heilen die Ursache, nicht die Symptome."

    Advocatus Diaboli:
    Es könnte immer noch eine Mediengag sein, nur ein noch viel ausgefeilterer, i.e. Sie waren nie pro Homöopathie, sondern haben sich nur für ein paar Jahre den Anschein gegeben, um dann umso medienwirksamer Ihr Buch gegen die Homöopathie veröffentlichen zu können.

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    1. Joa, das wäre zumindest eine schöne Schwurbelerklärung, mit der man weiterhin das umgehen könnte, was ich versuche zu sagen. Die Frage ist aber, warum war ich dann so blöd, so viel Kohle in meine Praxis zu stecken, auf der ich nun sitze? Aber klar, könnte auch nur so gesagt sein, um es dramatischer klingen zu lassen. Das werd ich mal so an die Bank weitergeben ;-)
      Und, ja, ich war voll drauf, bzw. drin!

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    2. Na die Antwort mit der Praxis ist doch ebenfalls einfach: Zuwendungen der Pharmaindustrie™. :D

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    3. Ach ja, genau *andieStirnklatsch

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  3. Da war ich doch der festen Überzeugung, fest Überzeugte ließen sich von nichts überzeugen ;-)

    Ob am Ende sogar ein Herr Wurster seine Überzeugungen überdenken könnte?

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    1. Haha, ich fürchte da stirbt die Hoffnung zuletzt. Wobei ich auch etwas anderes hoffe!

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  4. Der Unterschied zwischen zB Wurster/Kösters/Bajic/whoever und mir ist vielleicht, dass ich mich (schändlicherweise) nie so richtig mit der Theorie auseinandergesetzt habe. Man lernt das halt, man hört das halt, man übernimmt das halt, weil das der Konsens ist. ALS ich angefangen habe, mich mit den Hintergründen und Kritikpunkten zu beschäftigen, war mir ziemlich schnell klar, dass da was nicht stimmt. Aber diese Menschen exponieren sich öffentlich seit Jahren für die Homöopathie. Die können doch nun gar nicht mehr zurückrudern oder anders denken. Sicherlich war auch mein Umdenken mit vielen Verlusten und inneren Umbauprozessen nicht leicht, aber ich hatte immerhin nicht öffentlich ein Gesicht zu verlieren!

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