Sonntag, 29. November 2015

Gibt es DAS richtige Mittel in der Homöopathie?

"Kennen Sie das nicht auch, Frau Grams, dass man versucht, das richtige Mittel zu finden; beim ersten und zweiten Mittel ändert sich nichts, beim dritten Mittel tritt aber plötzlich eine eindeutige Reaktion oder Verbesserung auf. Das zeigt doch, dass die Homöopathie funktioniert! Dass erst das eine, richtige Mittel (das Similie oder gar das Similimum) die spezifische Wirkung entfaltet. Dass es eben doch wichtig ist, welches Mittel man gibt?!". Eine solche Aussage hat nicht nur Frau Bajic (1. Vorsitzende des Zentralvereins homöopathischer Ärzte) in unserem Streitgespräch bei Stern Tv getätigt, sondern ich höre sie in nahezu jeder Diskussion mit Homöopathen. Was ist dran an dieser Aussage?
  1. Das Heraussuchen eines passenden Mittels kann in der Homöopathie wenige Symptome bis hin zu einem umfassenden Patientenbild mit Hunderten von Kennzeichen umfassen. Die Gewichtung und letztliche Wahl ist willkürlich. Ich hab selten in einem homöopathischen Fallseminar erlebt, dass sich auch nur zwei Homöopathen einig gewesen wären am Ende einer Fallaufnahme. Verschiedene Schulen kommen zudem grundsätzlich zu unterschiedlichen Mitteln, manche schwören auf Komplexmittel, was klassische Homöopathen umhaut vor Entsetzen - und doch behaupten alle, sichere Arzneientscheidungen zu treffen. 
  2. All jene kann ich insofern beruhigen: Alle Mittel sind gleich. Ab einer Potenz D6 wird es schwer, noch ausreichend Wirkstoff in den Globuli zu finden, um sie sicher voneinander zu unterscheiden, ab einer Potenz D23 ist es unmöglich, da sich sicher kein Molekül der Ursprungssubstanz in allen Globuli befindet. Und sicher auch keine Energie. Ob, wir nun also Natrium muriaticum, Natrium muriaticum natronatum, Natrium silicata oder Calcium bromatum geben, ist völlig gleich. Wir geben Scheinmedikamente, die sich _nicht_ voneinander unterscheiden. Es kann also kein richtiges Medikament geben. Wir können uns die aufwendige Suche sparen. 
  3. Aber: Das Verstreichen der Zeit bis zum Finden des "richten" Mittels ermöglicht es dem Körper, sich selbst wieder in Stand zu setzen. Meist wird ein Homöopath aufgesucht oder eine homöopathische Behandlung versucht, wenn sonst nichts geholfen hat, das Leiden also schon eine Weile besteht und der Zenit der Krankheit überschritten ist. Es wird also von alleine besser, und man wähnt sich bestätigt mit dem zuletzt gegebenen Mittel.
  4. Ungefähr 80% aller Beschwerden heilen von alleine aus. Da Frau Bajic die Neurodermitis ihrer Tochter erwähnte: 90% aller Neurodermitis-Betroffenen sind im Erwachsenenalter beschwerdefrei (z.B. 1). Sicherlich gibt es ein paar böse Verläufe, die auch bei Erwachsenen zu anhaltenden Beschwerden führen, aber in aller Regel heilt Neurodermitis im Laufe des Lebens von alleine aus. Eine Besserung ist also nicht automatisch ein Zeichen für ein gefundenes richtiges Mittel, sondern ein Zeichen für den natürlichen Verlauf dieser Erkrankung.
  5. Arzneimittelbilder sind in den homöopathischen Arzneimittelprüfungen durch die Prüfung von Scheinmedikamenten entstanden. Sie sind demzufolge leider wertlos, um "richtige" von "falschen" Mitteln zu unterscheiden.
  6. Veränderungen, die einem nicht in den Kram passen, werden als "Erstverschlechterung", "Reaktivierung" oder besondere Heilungsverläufe getarnt (z.B. Herings Regel: von Innen nach Außen! Von Oben nach Unten! Da müssen wir noch etwas Geduld haben!). Es kann also gar nicht schiefgehen. Und letztlich bestätigt sich, wie bei einer selbsterfüllenden Prophezeiung, das Mittel, das wir als letztes gegeben haben, bevor es von alleine, oder durch unsere Anteilnahme, besser wurde.
  7. In seltenen Fällen mag es gelingen, durch das homöopathische Gespräch eine Selbsterkenntnis beim Patienten zu erwirken, analog einer Gesprächstherapie, so dass er selbst eine situationsgerechte Lebensveränderung einleiten kann. Auch dann bestätigt sich jedoch nicht das Arzneimittel, sondern vielmehr der unbestrittene Gesprächsaspekt der Homöopathie.

Ich habe solche Erklärungen für das "Wirken" homöopathischer Arzneien auch als Homöopathin schon gelesen und innerlich immer ein wenig gelacht über das ignorante Unwissen der Kritiker. Ja klar, DARAN soll gelegen haben, wenn ich zehn Mal repertorisiert und ausführlich befragt habe und dann über eine ganz besondere Idee, Äußerung, Empfindung o.ä. zu DEM Mittel gelangt bin, das dem Patienten nicht nur im akuten Fall, sondern chronisch geholfen hat, das ihm einfach total entsprochen hat, durch das sich "alles" geändert hat. Heute weiß ich, dass wir Homöopathen eine Art Roulette spielen: wir werfen die Kugel unzählige Male in die Drehscheibe, und wenn sie endlich auf der roten Neun landet, sagen wir: Beweis! Und fühlen uns mit unserem Geheimwissen überlegen, irgendwie als die wissenderen, besseren Menschen. Wir stellen Zusammenhänge her, die sonst keiner sieht, wir interpretieren Leiden und Symptome so, dass sie durch Nichtvorhandenes geheilt werden können. Das gibt einem eine unheimliche Macht, einen Vorsprung vor allen Unwissenden, eine Sonderstellung. Und dieses Gefühl will kein Homöopath aufgeben!



    (1) Peter Fritsch: Dermatologie und Venerologie. Springer Verlag, Berlin 2004, S. 190.

    Kommentare:

    1. "Das gibt einem eine unheimliche Macht, einen Vorsprung vor allen Unwissenden, eine Sonderstellung. Und dieses Gefühl will kein Homöopath aufgeben!"

      Das ist wohl auch der Thrill, dem die ungezählten Laien-Homöopathen auf den Leim gehen, besonders die Globuli-Mütter: In einer der Globulisten-Anleitungen z.B. in Wiesenauers Quickfinder herumgeblättert, irgendwas Passendes gefunden, ausprobiert, klappt nicht, nochmals und länger gesucht, ausprobiert, klappt nicht, nochmals und noch viel länger gesucht, weiteres Buch dazugenommen, ausprobiert, klappt...

      ...weil Klein Kevin in der Zwischenzeit die Zahnung überstanden, die Windel wieder voll und die Rotznae dagegen leer hat, nicht mehr puppst oder so müde ist, dass er beschlossen hat, mal durchzuschlafen...

      Ischschwöre, Du bist so Arzt! Ja, oda? (Ausgeliehen bei Cantal und Zeynep)

      Wer das nun für bösartiges Herumreiten auf Klischees hält: einfach mal bei Netmoms & Co. ´reinschauen.



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    2. Ich halte die Erstverschlimmerung ja auch für ein geniales Konzept. Damit kann man zum einen die Zeit überbrücken, bis die Krankheit ihren natürlichen Lauf nimmt, oder man deutet es als Wahl des falschen Mittels und probiert ein neues.

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    3. @exanwahn: Genau so ist es! Sehr schön geschrieben.
      Danke, Frau Grams, für die weiteren Einblicke.
      Grüße
      R. Wagels

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