Freitag, 18. Dezember 2015

"Aber Kinder kennen doch keinen Placebo-Effekt"...

...deshalb ist das doch wohl der Beweis, dass Homöopathie funktioniert! Kinder können doch nicht denken: Ach so, ich bekomm jetzt Globuli und deshalb soll es mir jetzt besser gehen. Kinder glauben doch noch nicht an die Homöopathie!


So oder ähnlich wird gerne gesprochen, wenn es darum geht, ob Homöopathie denn nun bei Kindern wirksam ist oder nicht. Doch was bedeutet der Placebo-Effekt eigentlich genau?

Ursprünglich bedeutet Placebo wörtlich so etwas wie "Ich werde gefallen", etwas salopper übersetzt "Ich werde dir helfen". Zum einen ist damit das Placebo gemeint, also das Scheinmedikament, das keinen Wirkstoff enthält, aber dennoch eine Reaktion im Patienten auslösen kann, da er meint Hilfe zu bekommen. Die Wirkung wird also nicht etwa durch einen pharmakologischen Inhaltsstoff möglich, sondern durch die Bedeutung, die der Tablette (den Globuli) zugeschrieben wird. Dennoch kann diese Reaktion durchaus messbar und objektiv nachvollziehbar ausfallen.
Zum andern ist damit aber auch der Akt der Zuwendung gemeint. Jede Mutter vollbringt Placebo-Therapie, wenn sie ihrem Kind liebevoll auf ein "Aua" pustet, ein Trostpflaster aufklebt oder wenn sie es in den Armen wiegt. Tatsächlich "wirkt" eine solche Handlung nicht, praktisch weiß jeder, dass das Kind nach ein paar Minuten des Tröstens wieder munter davon springt oder beruhigt einschläft (gut, nicht immer;-)). Es hat also geholfen.

Die Homöopathie ist nun besonders geschickt darin, diese beiden Mechanismen zu benutzen. Sie verabreicht einerseits wirkstofflose Tablettchen und sie verbindet dies oft mit einem Ritual an Zuwendung, Empathie und mit der Kraft guter Erfahrungen. Die Globuli tragen somit die Bedeutung "ich lasse Dir Hilfe zuteil werden, liebes Kind" und zwar ohne, dass dies unbedingt in Worte gefasst wird. Die Mutter strahlt aus, dass sie helfen kann, dass sie etwas tun kann, dass sie sich von den Globuli Hilfe verspricht Das Kind bekommt etwas, das ihm helfen soll, es nimmt wahr, dass es mit seinem Problem nicht allein gelassen wird. Das tut gut. Beiden. Die Mutter (der Vater) beruhigt sich und auch das tut beiden gut. Und das müssen keine krassen Verhaltensänderungen sein, Kinder und Babys spüren intuitiv kleinste Veränderungen. Sie sind so abhängig von uns, dass sie mit feinsten Antennen ausgestattet sind.
Natürlich helfen auch andere Rituale (warmer Tee, vorlesen, etc.) doch die ausdrücklich medizinische Ausrichtung der Homöopathie verstärkt den "Ich kann und werde dir helfen" Effekt sehr positiv. Man tut nicht irgendwas, sondern etwas das (vermeintlich) medizinisch Sinn macht.
Auch das anschließende Warten auf die Genesung ist nun nicht mehr ein bloßes Ausharren, sondern ein "Lass uns schauen, wie die Globuli wirken". Es besteht Hoffnung, dass sich etwas zum Positiven verändert - und siehe da, es verändert sich tatsächlich. Gefühlt auch schneller also ohne die Möglichkeit, etwas Gutes getan zu haben. "Wirken" die ersten Globuli nicht, so schlagen wir noch einmal in unseren Repertorien nach, geben andere Globuli und das Abwarten fällt wiederum leichter. Schließlich aber heilt die Krankheit von alleine aus, vergehen die Beschwerden von selbst und wir sind überzeugt, die Globuli haben ein kleines Wunder vollbracht - und geben sie deshalb beim nächsten Mal mit neuer Überzeugung. Die Male, bei denen die Globuli nicht geholfen haben, vergessen wir rasch oder entschuldigen sie mit "Da haben wir eben das richtige Mittel nicht rechtzeitig gefunden".
Ein praktisches und hilfreiches System. Aber wir unterliegen da einem heimtückischen Bestätigungsfehler.

Problematisch wird es dann, wenn wir so sehr von der Homöopathie überzeugt sind, dass wir nicht mehr die obigen Erklärungen für die Wirkung verantwortlich machen, sondern eine Information oder Energie in den Globuli. Natürlich könnte man sagen, dass die Globuli tatsächlich eine Information beinhalten: die Information "Ich werde dir helfen". Aber das ist ja nicht das, was die Homöopathen meinen. Die meinen eine nicht nachvollziehbare oder erklärbare Information, die sich weder bislang finden ließ noch in Zukunft gefunden werden kann. Problematisch wird es auch dann, wenn sich durch solche vermeintlich positiven Erfahrungen der Glaube an die Globuli etabliert und man denkt, auch schwer Erkrankungen könnten so "natürlich" behandelt werden. Nein, schwere Erkrankungen können schwere Folgen haben und diese lassen sich durch die genannten Effekte zwar vielleicht leichter ertragen, aber geheilt werden sie dadurch nicht. Und das, finde ich, dürfen wir unseren Kindern nicht zumuten.
Ich bin auch kein Fan davon, jedem Kind bei einem kleinen Schnupfen sofort ein Antibiotikum zu verschreiben und ich geb auch zu, dass mir das Abwarten bei banalen viralen Infekten bis zur Besserung mit der Möglichkeit von homöopathischer "Therapie"leichter fiel bei meinen Kindern. Aber es ist dennoch ein Glück, dass wir für schwere Fälle die normale Medizin und wirkliche Medikament haben. Für die leichteren Fälle dürfen es dann auch mal die "Zauberkügelchen" sein - wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir damit eigentlich nur ein erweitertes "Heile, heile Segen" singen.



Zum Weiterlesen:



Dieser Blogbeitrag ist ursprünglich als Gast-Beitrag auf dem Blog des Kinderdoks am 17.12.2015 erschienen. https://kinderdoc.wordpress.com/2015/12/17/kinder-und-die-homoeopathie-ein-gastbeitrag/
Vielen Dank an den Kinderdok! 

Kommentare:

  1. Ich glaube, dass noch ein ganz wesentlicher Aspekt hinzu kommt, gerade bei weniger ernsten Verletzungen oder Erkrankungen, die mit der Zeit von selbst ausheilen: Ob eine Maßnahme geholfen hat, wird nicht nur von den Kindern selbst bewertet, sondern auch von den Erwachsenen, die diese Maßnahme getroffen haben. Aber deren Urteil ist naturgemäß noch subjektiver als das der Kinder - sie spüren es ja nicht selbst, sondern sind auf Aussagen und Beobachtungen angewiesen. Dabei können Kinder wie Erwachsene sich auf vielen Ebenen etwas vormachen und sich von ihren Erwartungen oder ihrem Wunschdenken täuschen lassen. Am Ende bleibt die Erinnerung, dass es besser geworden ist (weil die getroffene Maßnahme geholfen hat) und die Chancen sind gut, dass die gleiche Maßnahme - auch wenn es sich um ein vollkommen wirkungsloses Placebo handelt - beim nächsten Mal wieder genau so gut wirkt.

    Ein häufig ins Feld geführtes Argument ist, dass Placebos bei Tieren und Pflanzen nicht funktionieren. Skeptiker erklären daraufhin gerne, warum es auch bei Tieren Placebos gibt und führen durchaus richtige Argumente wie Zuwendung, Erwartung und natürlicher Verlauf ins Feld. Sie übersehen dabei aber meines Erachtens etwas Wesentliches: Tiere können uns nur eingeschränkt mitteilen, wie es ihnen geht. Ob etwas geholfen hat bewerten bzw. entscheiden die Besitzer - und bei Herrchen und Frauchen funktionieren selbstverständlich alle Aspekte des Placebo-Effektes.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für die gute Ergänzung. Den Placebo-by-proxy- Effekt (Placeboeffekt bei der Bezugsperson) habe ich im obigen Post nicht erwähnt gehabt

      Löschen
  2. Danke für einen weiteren tollen Artikel. Es ist meist recht mühsam diese Informationen anzubringen.
    Ich habe mir angewöhnt, meist erst in der jetzt gerade auftretenden Situation aktiv zu werden. Etwa wenn die unentspannte Mama dem Kind eine - wissentlich - nicht wohlschmeckende "Medizin" zu verabreichen hat. Oder wenn blumig heiter Globuli gegeben werden.
    Die es dann immer noch nicht verstehen (wollen), wie aufmerksam und empfindsam Kinder auf ihre Umwelt reagieren können, denen erzähle ich vom "Klugen Hans", dem Pferd das rechnen konnte.
    Wenn ein Tier feinste Erwartungshaltungen ablesen kann, getraut fast sich kein Elternteil mehr zu sagen, das eigene Kind könnte nicht die negative Einstellung der Verabreicher eines Arzneimittels erkennen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gerade in Bezug auf Kinder und Tiere hält sich der Glaube, es gäbe dort keine Kontext- und Placeboeffekte irgendwo hartnäckig, derweil gibt es sie GERADE dort. Was das Beispiel vom klugen Hans auch zeigt, ja:-)

      Löschen