Dienstag, 15. Dezember 2015

Evidenz versus Eminenz

Evidenz - für Homöopathen ein (unverständliches) Schimpfwort.
Wozu braucht es solche Wortungetüme, wenn längst klar ist, dass die Homöopathie wirkt? Wozu braucht es Studien, wenn jeden Tag erfahrbar ist, dass die Homöopathie hilft? Über diese Fragen kommen die meisten Homöopathen nicht hinaus. Man lehnt das Wort ab, oft, ohne das Prinzip verstanden zu haben. Als Homöopathin dachte ich auch nicht weiter darüber nach. Evidenz, das ist eben das, was sich ein paar bornierte Wissenschaftler zusammengereimt haben und das soll nun für alle gelten - so ein Quatsch! Man hört dann noch, dass auch nicht alle normalen Mediziner für EbM sind, dass da noch diskutiert wird und damit ist das Thema erledigt. Man arbeitet weiter als erfolgreicher Homöopath.
Doch was bedeutet Evidenz eigentlich? Im Wortsinne zunächst so etwas wie "augenscheinlich Unzweifelhaftes". "Unter Evidenz-basierter Medizin (EbM) (...) versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch epidemiologischen Gesichtspunkten; die Bewertung der Größe des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten." (1)
Medizinische Evidenz bedeutet also, das aktuelle Wissen, das zur Verfügung steht, bestmöglich dem jeweiligen Patienten anzubieten. Das ist besonders deshalb von Bedeutung, wenn man sich vor Augen hält: "In der Medizin muss man davon ausgehen, dass sich der Wissensstand alle fünf bis sieben Jahre verdoppelt. Ein Medizinstudent, der für seine Ausbildung sechs Jahre braucht, hat daher am Ende seines Studiums gerade einmal genug Rüstzeug, die ersten paar Jahre damit auszukommen. Sollte er sich nicht ausreichend fortbilden oder fortgebildet werden, was man beispielsweise im Bereich der Jungärzte-Ausbildung (...) ständig bemängelt, dann ist sein Wissen in kürzester Zeit veraltet. Die einzige Chance, am aktuellen Stand des Wissens zu bleiben, ist das lebenslange Lernen." (2) EbM hilft also dem Arzt, ständig den bestmöglichen aktuellen Wissenstand zur Verfügung zu haben, so dass er aus diesem die beste Therapie für seinen individuellen Patienten auswählen kann.
Dabei geht es eben gerade nicht darum, dass irgendwelche Wissenschafter im stillen Kämmerlein ein paar realitätsferne, dogmatische Leitlinien erstellen, sondern, dass sie sich zusammensetzen, um aus dem großen Fundus an aktuellem Wissen und Studienergebnissen eine Empfehlung auszusprechen, da es dem einzelnen Arzt unmöglich ist (fachlich und zeitlich), alle Daten zu kennen. Natürlich passieren hier auch Fehler und es werden Interessen durchgedrückt (3), aber generell ist man der Auffassung, dass auf Basis sachlicher Informationen ein Konsens gefunden wird, der zum Wohl des Patienten erstellt wird. Wobei jeder Arzt natürlich weiterhin selbst abwägen und entscheiden kann, was für seinen individuellen Patienten geeignet erscheint:
"Gute Ärzte nutzen sowohl klinische Expertise als auch die beste verfügbare externe Evidenz, da keiner der beiden Faktoren allein ausreicht: Ohne klinische Erfahrung riskiert die ärztliche Praxis durch den bloßen Rückgriff auf die Evidenz "tyrannisiert" zu werden, da selbst exzellente Forschungsergebnisse für den individuellen Patienten nicht anwendbar oder unpassend sein können. Andererseits kann ohne das Einbeziehen aktueller externer Evidenz die ärztliche Praxis zum Nachteil des Patienten leicht veraltetem Wissen folgen."(3)

Demgegenüber steht nun also die Homöopathie. Beginnend mit Hahnemann, gefolgt von unzähligen anderen "großen" Homöopathen, gilt, was geschrieben steht. Unbezweifelt werden die Worte, Empfehlungen und Heilerfolge der Großen übernommen. So gesehen wird hier Evidenz durch Eminenz ersetzt. Einflussreiche Homöopathen haben einfach Recht, das wird nicht in Zweifel gezogen. Wer ein Buch geschrieben hat, hat Recht. Wer in seiner Praxis Heilerfolge beobachten kann, hat Recht. Wer zweifelt, hat die Homöopathie nicht verstanden. Dass es heute weder einen Konsens innerhalb der Homöopathie gibt, dass zig Studien keinen nennenswerten Effekt über einem Placebo-Effekt gezeigt haben, dass es keine plausiblen Erklärungen für eine Wirkung der Homöopathika gibt - geschenkt. Es ging in der Geschichte der Homöopathie nie darum, zu überprüfen, ob sie stimmt. Es ging nur um Selbst-Bestätigung. Was passt, wird ins Konzept eingefügt, was nicht passt, wird nicht beachtet. Natürlich entsteht solchermaßen auch ein Konsens - aber, was mich nach zunehmender Auseinandersetzung mit dem Thema gestört hat, mitnichten einer, der sich am Wohl des Patienten orientiert. Geschützt wird lediglich die eigene, eh schon vorhandene Meinung (Homöopathie = gut). Allenfalls wird noch die "soziale Evidenz" (wenn´s alle gut finden, muss es ja auch gut sein) aufgefahren. Doch wissen die meisten Homöopathieanwender gar nicht so genau, was ihnen mit der Homöopathie angeboten wird und was die Fehler und Probleme dabei sind - wie also sollten sie überhaupt wirklich urteilen können, ob die Homöopathie "gut" ist?

Währen sich die normale Medizin zunehmend, und mit Blick auf die optimale medizinische Versorgung ihrer Patienten, bewusst weg von einer "Eminenzmedizin" bewegt, ist diese unter Homöopathen nach wie vor gefeiert. Ich wünschte, Patienten würden begreifen, dass sie damit eben gerade nicht ganzheitlich gut versorgt werden, sondern ganz schön schlecht behandelt. Kaum ein Homöopath ist bereit oder in der Lage, Studien zu lesen, zu verstehen und zu akzeptieren. Auch ich musste das erst mühsam lernen und es gibt sicher noch eine Menge dazuzulernen. Es ist so viel einfacher, Eminenz-Homöopath XY anzuhängen, ihn lobzupreisen und jeden zu verachten, der das nicht tut, als sich mühsam und leider auch enttäuschend ernüchternd mit den evidenzbasierten Fakten zu beschäftigen. Manchmal wünsche ich mir die einfache Zeit zurück ;-)





(1) http://www.ebm-netzwerk.de/was-ist-ebm/grundbegriffe/definitionen/
(2) http://www.rezeptblog.at/evidenzbasierte-versus-eminenzbasierte-gesundheitspolitik/
(3) http://www.cochrane.de/de/sackett-artikel

Zum Weiterlesen:
Studien interessieren mich nicht, ich weiß doch, dass die Homöopathie wirkt: http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2015/08/studien-interessieren-mich-nicht-ich.html
Warum "meine Erfahrung" nicht zählt: http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2015/10/warum-meine-erfahrung-nicht-zahlt.html

Kommentare:

  1. Man kann es auch Umgangssprachlicher ausdrücken:

    "Wer braucht schon Fakten, wenn er eine Meinung hat."

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    1. Genau so ist es. Problematischerweise halten die Homöopathen ihre Meinung jedoch für ein Faktum

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  2. Sehr schön geschrieben! Das deckt sich haargenau mit meiner Erfahrung aus zig Gesprächen mit Homöopathie-Praktikern, egal ob Ärzte oder Heilpraktiker.

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