Mittwoch, 27. Januar 2016

Die Homöopathie ist kränker als (neu) gedacht

In meinem Buch habe ich im letzten Kapitel die Homöopathie als Patienten beschrieben:
Zahlen, Daten und Fakten sprechen dafür, dass die Homöopathie krankt. Es fehlt ihr an Daten, die ihre Wirksamkeit belegen, sie leidet unter Fakten, die heute nicht mehr gelten können in einer Medizin, deren Basis die Naturwissenschaft ist, sie halluziniert Vorstellungen von Medikamentenwirkungen, die für niemanden sonst nachvollziehbar sind. Das wäre sozusagen die körperliche Ebene der kranken Homöopathie, das sind ihre Symptome. (...) Die Homöopathie verbindet große Ängste mit diesen Symptomen, die sie meistens in Abwehr und Nichtwahrhabenwollen ausdrückt. Lieber geht sie zum Gegenangriff über („An der wissenschaftlichen Medizin stimmt doch auch so einiges nicht!“).

(...) Die Homöopathie leidet unter der Wahnvorstellung, die Naturwissenschaft sei für sie gar nicht zuständig, Letztere habe eben noch nicht die richtigen Mittel, um sie zu beurteilen, alle seien gegen sie und verstünden sie nicht. Die Homöopathie erlebt sich als missverstanden, verurteilt und an den Pranger gestellt, wo sie doch nur das Beste für ihre Patienten möchte. Käme die Homöopathie mit ihren Symptomen zu mir in die Praxis, so würde ich als Homöopathin kein Schmerzmittel verordnen, um die Symptome rasch hinwegzunehmen. Nein, ich würde vielmehr versuchen, mehr über sie und von ihr zu erfahren. In welchem Zusammenhang stehen ihre Symptome mit ihren Gefühlen, ihren Empfindungen und ihrem Denken und täglichen Handeln? Ich würde mir Zeit nehmen, sie erzählen lassen, wie es ihr geht, und empathisch zuhören, bis sie ausgeredet hat. Ich würde versuchen, sie nicht gleich zu verurteilen oder ein schnelles Gegenmittel für sie zu finden („Sieh´s doch endlich ein, Homöopathie, das stimmt doch alles nicht!“). Ich würde mir ihre (Entstehungs-)Geschichte anhören, Hintergründe und Zusammenhänge verstehen wollen und versuchen, eine Art individuelle Leitidee herauszuarbeiten. Was ist wirklich ihr Problem? Wo kommt der Stress eigentlich her? Was hat sie zu mir geführt? Die Homöopathie könnte vielleicht so etwas sagen wie: „Die verstehen mich doch eh alle nicht. Ich will doch nur etwas Gutes, und die sind alle gegen mich. Zum Glück habe ich noch meine Patienten und meine treuen Homöopathen. Die finden mich gut. Da seht ihr doch, dass es alles gar nicht so schlecht sein kann!“ Eine Leitidee bzw. Grundempfindung könnte sein: „Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich eigentlich existieren darf, aber wenn ich das zugebe, gefährde ich meine eigene Existenz.“
Diese Empfindung lässt sich generalisieren. Sie gilt für jeden einzelnen Homöopathen genauso wie für die Homöopathie als Ganzes. Sie gilt für die mauen Fakten der Homöopathie ebenso wie für ihr fragwürdiges Gesamtdasein in der Medizin – damals wie heute. Wir wären bei der Kern-Empfindung angekommen. In dem Moment, in der der Homöopathie das bewusst würde, träte nun vielleicht eine kurzfristige, tiefe Entspannung ein: „Ach, so ist das bei mir! Ich habe Angst um meine Existenz!“ Eine tiefe Selbsterkenntnis hätte stattgefunden. Traditionell hätten wir als Homöopathen der Homöopathie nun ein paar Globuli gegeben, die bei einem Gesunden (vermeintlich) ähnliche Existenzängste ausgelöst hätten. Dadurch hätte die Homöopathie – Hahnemanns Theorie zufolge – ihre Existenzängste überwinden können.
Neu gedacht wäre jedoch vermutlich vielmehr Folgendes passiert: Die Homöopathie hätte sich durch das therapeutische Setting emotional gut aufgehoben und endlich verstanden gefühlt, so dass sich ihr Stress und ihre Abwehr möglicherweise schon allein dadurch abgeschwächt hätten. Sie hätte sich etwas entspannter der Realität zuwenden können. Darüber hinaus hätte sie durch ihre Selbsterkenntnis mehr über sich selbst gelernt: „Ich habe Angst um meine Existenz, weil bisher nicht viel für meine Existenzberechtigung spricht. Ich kann nach dieser Erkenntnis nun eine situationsgerechte Selbstveränderung einleiten, kann mir neue Gedanken machen, der Realität ins Auge sehen und mich um einen neuen Umgang mit meinen Defiziten und Symptomen bemühen.“ Vielleicht geben wir ihr dennoch ein paar Globuli mit, erklären ihr aber, dass sie nur als Placebo wirken und allenfalls die Suggestion enthalten und die Bedeutung tragen, sie solle sich um ihre Existenzberechtigung bemühen. Wann immer sie darüber in Zweifel komme oder in ihr altes Muster zurückfalle, solle sie die Globuli einnehmen. Nun bestellen wir die Homöopathie ein paar Wochen später wieder in unsere Praxis ein und fragen nach dem Verlauf. Sie berichtet erleichtert, aber auch unter Tränen, sie habe sich mit einigen Daten und Fakten auseinandergesetzt und sehe nun ein, dass das wirklich schwer zu glauben ist. Sie sei ganz erleichtert, aber auch innerlich schwer erschüttert von dieser Erkenntnis. Manchmal habe sie kaum weitermachen können auf diesem Weg. Einmal sei sie von schweren Ängsten überfallen worden. Sie habe dann aber die Globuli eingenommen und sich an unser Gespräch erinnert. Etwas tun zu können, habe ihr in dem Moment geholfen. Dann sei es langsam wieder besser geworden. Sie habe sich um neue Ideen für Studien bemüht. Seit der Erkenntnis, dass sie nur aus Angst bisher so abwehrend gehandelt habe, führe sie ein viel freieres Leben. Wenn sie der wissenschaftlichen Medizin oder der Naturwissenschaft begegne, sei sie nicht mehr so voller Ängste und müsse diese deshalb auch nicht mehr so stark abwehren. Es ginge ihr noch nicht perfekt, aber sie sei auf dem Weg der Besserung, sie komme besser mit den Symptomen zurecht. In diesem Sinne hat also die Homöopathie als Patient eine Selbstheilung begonnen, deren Prozess nun weiter unterstützt werden sollte.
Kein Gesetz der Naturwissenschaft wurde dabei verletzt. Dennoch ‒ ob dieses Vorgehen Teil der heutigen Medizin sein kann, bleibt zu entscheiden. Denn offen ist die Frage, ob wir über das Prinzip der nach unten wirkenden Emergenz auf der Zahlen-Daten-Fakten-Ebene tatsächlich eine Veränderung feststellen können. Das wird eine Zeit dauern, und es wird nicht leicht sein, Kriterien zu finden, die den Schluss zulassen, bei der Homöopathie habe sich nicht nur innerlich (subjektiv), sondern auch äußerlich (objektiv, signifikant) etwas verändert. Die Veränderungen werden möglicherweise komplex sein. Im persönlichen Gespräch sind sie ganz gut zu erfassen, aber in Studien? Es wird schwer – vielleicht unmöglich – werden, eindeutige Parameter zu finden. Aber das scheint mir eher möglich und erfolgversprechender zu sein als das weitere Beharren der Homöopathie darauf, sie sei gar nicht krank.

Ich gebe zu, es ist mein Lieblingskapitel. Dennoch habe ich mich durch meine weitere Auseinandersetzung mit der Homöopathie noch weiter von meinem damaligen Standpunkt entfernt. Auch deshalb, weil die Homöopathen, die mir in der Auseinandersetzung um mein Buch begegnet sind, sich deutlich durch absolut fehlende Krankheitseinsicht auszeichnen. Ich würde heute sagen, dass es um die Homöopathie viel schlimmer steht, als oben beschrieben. Die "happy end" Geschichte in meinem Buch ist keine.

Natürlich bin ich weiterhin der Meinung, dass wir gerade die Punkte Empathie, Zeit und individuelle Zuwendung mehr in unsere normale Alltagsmedizin integrieren müssen. Aber all dies Punkte sind nicht der Kern der Homöopathie, sie sind eher ein zufälliges Beiwerk, das ist mir heute bewusst. Manche Homöopathen bieten das an, andere nicht. Wieder andere wenden sich unter diesem "warmen Deckmäntelchen" gänzlich von den Errungenschaften unserer normalen Medizin ab und bringen ihre Patienten so ernstlich in Gefahr, z.B. wird dann Chlorbleiche ("MMS") als Wundermittel angepriesen oder von Impfungen abgeraten oder es wird Homöopathie zur Behandlung von schlimmsten Krankheiten angeboten.
Der Grat von warmer, verständnisvoller Homöopathie zu gefährlichen falschen Heilsversprechen ist weitaus schmaler, als ich das damals wußte, oder mir eingestehe wollte. Die positiven Punkte, die ich der Homöopathie im obigen Text zuspreche, sind für mich heute Bestandteil guter Medizin. Dass Worte und Gespräche Menschen helfen, wird nirgendwo bestritten (1). Dass der Placebo-Effekt und Suggestionen erstaunliches bewirken können auch nicht (2, 3, 4). Auch, dass Selbstreflektion und Selbsterkenntnis unglaublich wertvoll sind, ist bekannt und dass dies sogar Auswirkungen auf die körperliche Ebene haben kann (5, 6). Und auch ein kleines bisschen Magie kann manchmal Wunder wirken.

Ein ganzes "Heilsystem" aber, das auf vorwissenschaftlich kolossalen Irrtümern beruht, tut niemandem gut. Weder dem Gesundheitssystem noch den Patienten. Die Homöopathie hat es verabsäumt, sich mit der Medizin mitzuentwickeln. Sie hat sich nie wirklich in Frage gestellt und nun haben die Zeit und der wissenschaftliche Fortschritt ihre Fragen längst beantwortet. Es gibt heute keinen Zweifel mehr, dass die Homöopathie sich überlebt hat. Doch die Homöopathie unterliegt einem Wahn. Sie selbst versteht nicht, dass dem so ist. Eigentlich müsste die Geschichte der Homöopathie so enden: Die Homöopathie wird in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung überwiesen. Vielleicht gelingt es dort unter Aufbietung aller Kräfte der Vernunft und der vorliegenden Zahlen und Fakten, ihr in kleinen Schritten wieder einen Anschluss an die Realität zu ermöglichen. Es bedeutet aber auch, dass sie ihre fehlende Existenzberechtigung endlich akzeptiert!
Vielleicht ist mein obiges Beispiel ein gutes Beispiel dafür, wie die Homöopathie mit ihrem "ganzheitlichen" Ansatz manche ernsthafte Erkrankung verklärt und verkennt.




(1) Zum Weiterlesen und Quellen: "Wie Worte wirken": http://uexkuell-akademie.de/wie-worte-wirken/
(2) Roth G, Strüber N (2014) Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart, Klett-Cotta, S. 331
(3) Schedlowski M, Enck P, Rief W, Bingel U (2015) Neuro-Bio-Behavioral Mechanisms of Placebo and Nocebo Responses: Implications for Clinical Trials and Clinical Practice. Pharmacol Rev 67(3): 697–730
(4) Wager TD, Scott DJ, Zubieta JK (2007) Placebo effects on human {micro}-opioid activity during pain. Proc Natl Acad Sci USA 104: 11056–11061
(5) Saxena S, Gorbis E, O’Neill J, Baker SK, Mandelkern MA, Maidment KM, Chang S, Salamon N, Brody AL, Schwartz JM, London ED (2009) Rapid effects of brief intensive cognitive-behavioral therapy on brain glucose metabolism in obsessive-compulsive disorder. Mol Psychiatry 14(2): 197–205
(6) Kandel ER (1979) Psychotherapy and the single synapse. The impact of psychiatric thought on neurobiologic research. N Engl J Med 301: 1028–1037


Wer mir zustimmt, kann gerne auch die aktuelle Petition unterschreiben, in der wir fordern, dass eine Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz nicht Schirmherrin eines homöopathischen Kongresses sein sollte:
http://scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2016/01/26/schirmherrschaft-ueber-homoeopathie-eine-petition/


Kommentare:

  1. Tja... der Homöopathie fehlt es ganz offensichtlich an Krankheitseinsicht. Leider ist diese eine Grundvoraussetzung für eine Behandlung der im Beitrag beschriebenen Art. Beim menschlichen Patienten führt letztlich oft der Leidensdruck zur Krankheitseinsicht und zur Behandlungsbereitschaft. Davon scheint mir "die Homöopathie" sehr, sehr weit entfernt. Im Gegenteil, nach ihrer "Renaissance" in den 70er / 80er Jahren hat sie sich enorm instutionalisiert und dementsprechend an Selbstbewusstsein gewonnen. Man könnte geradezu von Hybris sprechen. Schlechte Voraussetzungen für eine heilende Annäherung an die Realität...
    Also doch geschlossene Anstalt. Aber auch hier die Frage: Wie?

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    1. Ja, die Voraussetzungen sind denkbar schlecht. Absolut fehlende Krankheitseinsicht, wahnhafte Selbst- und Fremdeinschätzung und breite Akzeptanz "im Volk". Aber die Psychiatrie dealt ja auch sonst nicht mit leichten Diagnosen ;-)

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