Freitag, 19. Februar 2016

Warum Pseudo - und nicht Alternativmedizin?

Nach einer Alternative zu unserem oft so zeitknappen, empathielosen medizinischen Alltag sehnen sich - zu Recht! - viele Patienten. Wer möchte sich schon gerne als Nummer behandelt fühlen oder mit seinen persönlichen Sorgen in Bezug auf eine medizinische Diagnose alleine gelassen werden? Und wer sucht nicht nach einem guten Weg, nicht bei jeder Bagatelle zum Arzt laufen zu müssen, um dort wohlmöglich erstmal im Wartezimmer die Viren der Saison aufzuschnappen? Wer möchte nicht gerne bei sich und seinen Kindern Nebenwirkungen vermeiden? Wer würde nicht zu sanften, natürlichen Mitteln greifen wollen, wenn er damit seine Gesundheit erhalten kann und vielleicht sogar einer Krankheit vorbeugt? Alle diese Punkte (und es gibt bestimmt noch eine ganze Reihe weiterer) sind absolut verständlich, nachvollziehbar und menschlich. Alle diese Fragen suchen nach einer Antwort.
Doch die Homöopathie ist nicht die richtige Antwort.

Zwar suggeriert die Homöopathie seit vielen Jahren, dass sie diese Fragen beantworten kann. In jeder Werbung finden die Worte "sanft, natürlich, nebenwirkungsfrei" Raum. In jeder Selbstbeschreibung erzählt der Homöopath, dass er "die Wurzel" einer Erkrankung angehen kann, dass er die Selbstheilungskraft des Körpers aktiviert, dass seine Mittel genau auf den Patienten und seine individuelle Geschichte zugeschnitten sind. Ein Traum. Ja, aber eben genau das. Es ist nicht wahr. Das Beste, was die Homöopathie zu bieten hat, ist die Zeit. Während ein Patienten beim Homöopathen zu Gast ist, oder seine Symptome wieder und wieder selbst repertorisiert, heilt sein Körper sich selbst. Das ist aber nun auch wieder fatal, denn beim Patienten und auch beim Homöopathen etabliert sich der Glaube, es habe an der Homöopathie gelegen, dass die Beschwerden besser wurden. Die Alternativbehandlung scheint gelungen. Scheint.
Denn wir wissen heute sehr genau, dass gar keine wirkliche Behandlung stattgefunden hat, es ist einfach Zeit vergangen. Möglicherweise haben die warme Atmosphäre und die Mystik, die die Homöopathie umwabert, noch ein Fitzelchen dazu beigetragen, dass es dem Patienten besser geht. Oder auch die Möglichkeit, selbst Handhabe über seine Erkrankung zu haben oder über die der eigenen Kinder. Aber wir wissen ganz genau, dass es nicht die kausale Wirkung der Globuli war. Nichts kann nichts bewirken. Wir wissen auch, dass der Glaube daran, dass einem geholfen würde, einiges bewirkt, aber das tritt bei jeder Therapie auf, dazu brauchen wir eine alternative Behandlung nicht.
Aber warum lassen wir es mit dieser Aufdeckung nicht einfach gut sein? Warum wollen wir in unserem Informationsnetzwerk Homöopathie den Begriff "Pseudomedizin" prägen? 
Weil es die Homöopathie damit nicht genug sein lässt. Sie sagt ja nicht etwa: Wir leben von dem Glauben und dem Vertrauen, die uns die Patienten schenken, wir leben von der vergangenen Zeit und anderen kleineren Faktoren, die der Psychologie zuzuordnen sind. Sie behauptet Dinge, die grottenfalsch sind:
  • dass Stoffe in Abwesenheit eine Wirkung entfalten könnten, 
  • dass Nanopartikel oder Quantenphysik das erklären würden, 
  • dass Schütteln Energie von Stoffen auf Wasser übertrüge und dann wieder auf Globuli, 
  • dass die Wirkung in den Globuli immer noch vorhanden sei, wenn das Wasser verdunstet, 
  • dass es nicht die Gespräche seien, die helfen, sondern tatsächlich die Wirkung der Globuli-Energie, 
  • dass es eine Wirkung über Placeboniveau hinaus gäbe,
  • dass es Studien gäbe, die das eindeutig und unzweifelhaft zeigten,
  • dass sie - im Gegensatz zur Wissenschaft, die immer nur herumzweifle - dies alles belegen könnten (weil man es ja erfahren könne).
Hier wird ein völlig falscher Eindruck erweckt. Und es wird versucht, dem einen seriösen, medizinischen Anstrich zu geben. Einen "wissenschaftlich" belegten Eindruck zu hinterlassen. Einen pseudomedizinischen und auch pseudowissenschaftlichen eben. Denn wir wissen längst, dass die Homöopathie so nicht Teil der Medizin sein kann. Und dass sie sicher auch keine Alternative dazu ist. Weil dies aber noch kaum bekannt ist, möchten wir mit dem krasseren Begriff, deutlich machen, dass die Homöopathie als "Alternative" ausgedient hat. Wir möchten Patienten klar machen, dass sie bei dieser Alternative nicht das bekommen, nach dem es sich erstmal anfühlt und als was es von der Homöopathie gut vermarktet wird. Im schlimmsten Fall unterbleiben wirklich sinnvolle Alternativen. Auch wenn diese manchmal nur aus Abwarten und Tee Trinken und einem schönen Buch bestehen. Manchmal kann es auch ein Gespräch mit der besten Freundin sein oder eine professionell Unterstützung durch eine Psychologin. Manchmal ist es ein anderer Arzt, bei dem die Chemie besser stimmt - sprichwörtlich und medikamentös;-)
Dafür wollen wir uns also einsetzen und freuen uns über Unterstützung

Kommentare:

  1. Vielleicht ist es den Versuch wert, mit einem neuen Wort neues Denken anzustoßen und mit "Pseudomedizin" die Nähe zu "Pseudowissenschaft" hervorzuheben. "Alternativmedizin" hat in manchen Kreisen immer von der wortassoziativen (und teilweise natürlich auch personellen) Nähe zur "alternativen Gesundheitsbewegung" profitiert, die als medizinkritische Bewegung der 1980er und 1990er Jahre wichtige Impulse gesetzt hat.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Absolut. ich hätte vielleicht diesen Text von Psiram noch anfügen sollen;-): "Als Pseudomedizin werden Verfahren bezeichnet, die den Anspruch erheben, wirksame Konzepte der Medizin zu sein, ohne dass jedoch eine Eignung aus neutraler Sicht nachweisbar ist oder dass sie mit dem aktuellen Kenntnisstand der wissenschaftsbasierten Medizin (auch evidenzbasierte Medizin oder evidence based medicine, EBM) vereinbar sind. Pseudomedizinische Verfahren präsentieren sich dennoch häufig als etablierte Verfahren, oft unter Anwendung oder Missbrauch von Begriffen aus der wissenschaftlichen Medizin und den Naturwissenschaften. Sie sind die Pseudowissenschaften der Medizin. Pseudomedizin wird oft als Synonym für Quacksalberei verwendet, dass die "betrügerische oder unkundige Vortäuschung von medizinischer Fähigkeit" bezeichnet."

      Löschen
  2. Ein wichtiges Ziel wäre zweifellos, diese unsägliche Medienhaltung mit dem Tenor, es gäbe einen Meinungsstreit oder gar eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, zurückzudrängen. Ich habe mich schon mehrfach mit Foreneinträgen oder auch Leserzuschriften gegen so eine Betrachtungsweise gewehrt. Mit wenig Erfolg, siehe zum Beispiel diesen unsäglichen Beitrag des Bayerischen Rundfunks im vorigen Jahr. Wenn man mal eine Antwort bekommt, so ist sie von Unwissen geprägt, eigentlich nie von Böswilligkeit oder dergleichen. Vielmehr missverstehen die Journalisten ihre Pflicht zur "Ausgewogenheit" ständig so, als ob jede Meinung, unabhängig von der Fakten- oder Argumentenlage, paritätisch darzustellen sei. Insofern ist das Netzwerk auch gaaaaaanz wichtig in Bezug auf die Medien.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wir hoffen auch in dem Sinne Einfluss nehmen zu können: Ausgewogenheit und Neutralität in Bezug auf Homöopathie-Berichterstattung ist falsch. So wichtig Toleranz ist, aber weiter Falsches zu behaupten und darüber zu schreiben, weil es behauptet wird, macht es nicht richtiger...

      Löschen